Reenactment und Living History

Archäologisches Reenactment und Living History aus der Geschlechterperspektive
6. Sitzung der AG Geschlechterforschung am 03.09.2015 in Hannover

Tagungsbericht
von Ulrike Rambuscheck

Die 6. Sitzung der AG Geschlechterforschung fand auf der 82. Tagung des Nordwestdeutschen Verbandes für Altertumsforschung e.V. in Hannover statt. In einem hellen, angenehmen Raum des Sparkassenverbandes Niedersachsen am Schiffgraben 6–8 hörten bis zu 20 Personen den fünf Vorträgen zu.
Nach einer Einleitung zum Thema durch die beiden AG-Sprecherinnen Jana Esther Fries und Ulrike Rambuscheck arbeitete Michael Wesemann (Oldenburg) in seinem Vortrag „Lebendiges Mittelalter. Zwischen Mummenschanz und Experimenteller Archäologie“ den Bereich Experimentelle Archäologie aus dem großen Themenfeld von Lebendiger Archäologie über Reenactment, Living History, LARP (Live Action Role Play) bis zu den Mittelaltermärkten heraus. Nach ihm kann als Experimentelle Archäologie nur das bezeichnet werden, was im Sinne einer Naturwissenschaft darunter fällt: Experimente durchführen, um Hypothesen zu überprüfen. Dies führt zu einer Konstruktion der materiellen Welt, ansonsten plädiert Michael Wesemann dafür, dass sowohl beim Reenactment (Neuinszenierung eines konkreten geschichtlichen Ereignisses) wie auch beim Living History (Darstellung alltäglicher Tätigkeiten) stets nur eine gewisse Plausibilität möglich sei, mehr nicht. Zum Geschlechterverhältnis in der Mittelalterszene bemerkte er, dass es extrem verzerrt sei, d.h., viel mehr Männer als Frauen interessierten sich dafür.
Stephanie Böker (Bremen) analysierte in ihrem Vortrag „Und ewig spinnen die Weiber ... Lebendige Archäologie und die Sehnsucht nach herkömmlichen Geschlechterrollen“, welche Aufgaben Männer und Frauen in Living-History-Gruppen übernehmen und wie dadurch überholte Geschlechterverhältnisse unserer eigenen Kultur in die Vergangenheit projiziert werden. Typisch für Männer ist die Beschäftigung mit Waffen und mit Handwerkstechniken wie Stein-, Metall- und Holzbearbeitung. Frauen wählen häufig Beschäftigungen, die Kochen, Textilherstellung, Töpferei und Heilkräuter umfassen. Sie ging der Frage nach, wie sich Darstellende für ihre Bereiche entscheiden. Dabei stieß sie auf ein evolutionistisches Weltbild bei den Darstellenden, das als immerwährende Höherentwicklung der Kultur gedacht wird. Die angenommenen früheren Geschlechterverhältnisse werden hierbei entweder als positiv empfunden oder als leider nicht zu ändernde Tatsache gesehen. Authentizität gilt solchen Gruppen nur für die Materialien und die Tätigkeiten damit, nicht aber für die sozialen Verhältnisse in der Vergangenheit. Die These der Autorin ist, das solche Geschlechterrollen eine Sehnsucht befriedigen, die aber weder reflektiert werden, noch ist es von außen vermittelbar, wie stereotyp diese sind.
Im Vortrag von Karl Banghart (Oerlinghausen) ging es um „Rebellische Walküren – Das Germaninnenbild im modernen Rechtsextremismus und seine Wurzeln.“ Dazu untersuchte er das Frauenbild seit dem Anfang des 20. Jahrhunderts bei völkisch-nationalen Gruppen. Es ist von Anfang an durch zwei Bilder gekennzeichnet: die völkisch-progressiven Frauen, sportlich, naturnah und kämpferisch, aber auch sexuell „rein“, und die fremden Frauen, die von anderen Völkern stammen und für die Männer des eigenen Volkes als sexuell verfügbar und selbst als lustbetont angesehen werden. Diese Frauenbilder haben bis heute überlebt: Als 1961 das Freilichtmuseum Oerlinghausen wiedereröffnet wurde, wurden blonde Frauen als Darstellerinnen gesucht. Und das der fremden Frau findet sich z.B. bei Gruppen in Polen, wo heutzutage Sklavenmärkte als Reenactment nachgestellt werden, bei denen „Wikinger“ Besucherinnen gefangen nehmen und vorführen.
In den Bereich der Darstellung von antiken Frauenfiguren im zeitgenössischen Theater führten die zwei letzten Vorträge. Silvia Bettinelli (Athen) und Aura Piccioni (Regensburg) stellten in ihrem Vortrag „Figures of ancient women in modern theatre: historic fidelity or romance?“ anhand des Theaterstücks „Die sieben Könige von Rom“, das vom Ursprung Roms handelt, vor, wie Frauenfiguren aus der etruskisch-römischen Antike, die von antiken Autoren beschrieben worden sind, in einem modernen Theaterstück stereotyp übernommen werden. Die Darstellung „fremder“ Frauen durch antike Autoren, hier die der Etruskerinnen – die soweit bekannt mehr Freiheiten genossen als die Römerinnen – werden dabei unreflektiert einem heutigen Publikum vorgeführt.
In dem Vortrag von Catalina Popescu (Lubbock, Texas) „Thespians Fighting Oppression – The Use of Electra in Theater during the Communist Era“ wurde dargelegt, wie die Figur der Elektra aus der antiken Literatur als Vehikel für Kritik und auch als Schutz vor Zensur in Rumänien im Theater während der Ära Ceausescu eingesetzt wurde.
In der Diskussion ging es unter anderem darum, wie Museen und Freilichtmuseen, die mit Living-History- und Reenactment-Gruppen arbeiten, ihrer Verantwortung für die Vermittlung von Geschichte gerecht werden können. Müssen die Verantwortlichen der Museen besser die Gruppen auswählen oder ist dies ein gesamtwissenschaftliches Problem, das alle angeht, die die Vergangenheit „lebendig“ gestalten möchten? Muss auch nicht stärker darauf hingewiesen werden, dass immer nur Aspekte der Vergangenheit mehr oder weniger realistisch wiedergegeben werden können, niemals eine ganze Aufführung „authentisch“ sein kann? Doch in Zeiten knapper Kassen im Museumsbereich und einem hohen Druck, genug Besucher_innen anzulocken, blieben die Ansichten, dass sich hier etwas ändern könnte, eher skeptisch.

Drei Artikel zum Thema dieser Sitzung sind in den Archäologischen Informationen veröffentlicht:

Ulrike Rambuscheck, Lebendige Archäologie – stereotype Geschlechterbilder? Archäologisches Reenactment und Living History aus der Geschlechterperspektive. Archäologische Informationen 39, 2016, 193-194. DOI: http://dx.doi.org/10.11588/ai.2016.1.33550. URN (PDF): http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bsz:16-ai-335507.

Carlà-Uhink, Filippo, Fiore, Danielle, Performing Empresses and Matronae. Ancient Roman Women in Re-enactment. Archäologische Informationen 39, 2016, 195-204. DOI: http://dx.doi.org/10.11588/ai.2016.1.33551. URN (PDF (English)): http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bsz:16-ai-335516.

Banghard, Karl, Wie sexuelle und politische Vorzeitprojektionen voneinander abhängen. Archäologische Informationen 39, 2016, 205-214. DOI: http://dx.doi.org/10.11588/ai.2016.1.33552. URN (PDF): http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bsz:16-ai-335522.

 

Call for Papers

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In den letzten 20 Jahren hat die erlebnisorientierte Darstellung und Aneignung von Vergangenheit stetig zugenommen, wozu Reenactment und Living History gehören. In vielen Museen, auch in archäologischen Freilichtmuseen, wird Living History als attraktiver Zugang zur Geschichte eingesetzt, als Chance, historische Alltagskultur zu erleben und sie dadurch zu vermitteln. Dabei werden vergangene Techniken und Fähigkeiten vorgestellt und können ausprobiert werden oder es werden die (prä)historischen Lebensbedingungen veranschaulicht. Auch für Fernsehdokumentationen werden regelmäßig Szenen dargestellt, die Einzelergebnisse oder das Alltagsleben veranschaulichen sollen.
Daneben steht die populärkulturelle Praxis zahlreicher Gruppen und Einzelpersonen, historische und prähistorische Figuren darzustellen, ihre Kleidung, Ausrüstung und Verhalten möglichst authentisch nachzuahmen und sich ihre Fähigkeiten anzueignen. Dabei wird von den DarstellerInnen meist dauerhaft eine Persona dargestellt, die gelegentlich als alternatives Selbst Teil der eigenen Identität wird.

In der Sitzung der AG Geschlechterforschung werden diese Darstellungen und Aneignungen der Vergangenheit im Hinblick auf ihre Geschlechterpraxis thematisiert. Fragen dazu könnten sein: Wer nimmt an Reenactement und Living History teil und warum? Gibt es hier geschlechterspezifische Gründe und Unterschiede? Welche Situationen werden für Dokumentationen am häufigsten dargestellt? Wer übernimmt welche Aufgaben in der Vorbereitung und stellt welche Figuren dar? Welche männlichen und welche weiblichen Figuren werden dargestellt? Werden frühere Geschlechterrollen in der Darstellung thematisiert oder wird die heutige Praxis der TeilnehmerInnen in die Vergangenheit übertragen? Worauf beruht die Darstellung von Geschlechterrollen in der Vergangenheit? Wie wirken sich diese Darstellungen wiederum auf die ZuschauerInnen und TeilnehmerInnen aus?

Die Sprecherinnen freuen sich über Vortragsvorschläge bis zum 30.04.2015. Die Vorträge sollen 30 Minuten nicht überschreiten. Eine Zusammenfassung des Vortrags von 200 Wörtern bitten wir, an eine der Sprecherinnen zu senden. Tagungssprachen sind Deutsch und Englisch. Es ist geplant, die Vorträge in der Reihe Frauen – Forschung – Archäologie zu publizieren.

Dr. Jana Esther Fries
Jana.fries(at)nld.niedersachsen.de

Ulrike Rambuscheck M.A.
urambuscheck(at)hotmail.com