Nonnen als Buchmalerinnen im Mittelalter

In Frauenklöstern des Mittelalters sind von den dort lebenden Nonnen viele Handwerke ausgeführt worden, unter anderem auch die Buchherstellung. Die meisten Buchschreiberinnen und ‑illustratorinnen sind aufgrund der Tatsache, dass im Mittelalter selten Werke signiert worden sind, unbekannt (dies gilt auch für künstlerisch tätige Mönche). Jetzt konnte auf naturwissenschaftlichem Weg wahrscheinlich gemacht werden, dass eine Nonne als Buchmalerin tätig war, und zwar anhand von blauem Farbstoff im Zahnstein einer auf einem Klosterfriedhof begrabenen Frau. Veröffentlicht ist dieses Ergebnis in der Fachzeitschrift Science Advances (Ausgabe 5,1 vom 09.01.2019). Die Autorinnen und Autoren des Artikels beziehen sich auf eine Studie, die Spuren von Ultramarinblau, das aus Lapislazuli gewonnen wird, im Zahnstein einer auf dem Friedhof des Klosters Dalheim in Ostwestfalen begrabenen Frau nachgewiesen hatte. Das Kloster existierte vom 9. bis zum 14. Jahrhundert. Die Lebenszeit der bestatteten Frau wurde mithilfe der Radiokarbonmethode zwischen 997 und 1162 festgestellt. Als die wahrscheinlichste Erklärung, wie der Farbstoff in den Zahnstein gelangt ist, wird angenommen, dass diese Frau als Buchillustratorin gearbeitet hat. Beim Befeuchten des Pinsels mit dem Mund könnte der kostbare Farbstoff so im Zahnstein abgelagert worden sein.

Auch der DGUF-Newsletter berichtet in seiner Ausgabe vom 22.01.2019 unter Punkt 3.7 über den Fachartikel sowie die Medienresonanz darauf (Link siehe unten). Sein Fazit dazu bedient die alten Klischees: „Mittelalterliche Buchmalerei – denken wir nur an Umberto Ecos ,Name der Rose‘ – wird normalerweise mit schreibenden Mönchen verbunden. Die Dalheimer Nonne zeigt nun auf, dass auch Frauen als Schreiberinnen tätig waren.“

Interessant an der Diskussion ist, dass überhaupt angezweifelt wird, ob in Frauenklöstern, in denen es eine Schreibwerkstatt gab, Nonnen in der Buchherstellung gearbeitet haben. Für Mönche aus Männerklöstern mit Schreibwerkstatt ist eine solche Diskussion unbekannt. Dort muss nicht nachgewiesen werden, ob es wahrscheinlich ist, dass Mönche Buchschreiber und ‑illustratoren waren, das wird vorausgesetzt. Bei Nonnen dagegen muss detailliert der Beweis ihrer Tätigkeit erbracht werden. Und wenn dieser Beweis vorliegt, wird es als große Sensation und neue Erkenntnis dargestellt, nicht nur von Medien für ein großes Publikum.

Dieser Fall zeigt, wie sehr unbewusste geschlechterbezogene Vorurteile Auswirkungen auf den gesellschaftlichen Blick auf die Vergangenheit und auf den Umgang mit dieser haben. Es wäre erstrebenswert, sich dieser Vorurteile bewusst zu werden und sich damit aktiv auseinanderzusetzen.

 

Der Science-Advances-Artikel:

Anita Radini, Monica Tromp, Alison Beach, E. Tong, C. Speller, M. McCormick, J. V. Dudgeon (2019), Medieval women’s early involvement in manuscript production suggested by lapis lazuli identification in dental calculus. Science Advances 5(1), eaau7126. DOI: 10.1126/sciadv.aau7126 (9.1.2019).

http://advances.sciencemag.org/content/5/1/eaau7126

 

Literatur aus dem Science-Advances-Artikel:

Alison I. Beach, Women as Scribes: Book Production and Monastic Reform in Twelfth-Century Bavaria (Cambridge 2004).

Cynthia J. Cyrus, The Scribes for Women’s Convents in Late Medieval Germany (Toronto 2009).

Felice Lifshitz, Religious Women in Early Carolingian Francia. A Study of Manuscript Transmission and Monastic Culture (Oxford 2014).

 

Außerdem:

Jeffrey F. Hamburger, Carola Jäggi, Susan Marti, Hedwig Röckelein (Hrsg.), Frauen – Kloster – Kunst. Neue Forschungen zur Kulturgeschichte des Mittelalters (Brepols 2007).

 

Der DGUF-Newsletter vom 22.01.2019 als PDF:

http://www.dguf.de/fileadmin/user_upload/Newsletter-Archiv/DGUF-Dok_76_DGUF-Newsletter_2019-01-22.pdf