Kategorienbildung und dann? Komplexität, Widersprüchlichkeit und Vielfalt archäologisch begreifen

„[…] gender boundaries are not always simple. There must have been unboyish boys and ungirlish girls in the middle ages, as in any society, and those who (for some reason or other) wished to cross the line.“

N. Orme, Medieval Children (2001) 328.

In der deutschsprachigen Archäologie war der Betrachtungsraum zu Geschlecht lange bestimmt von einem unreflektierten, untertheoretisierten und von hegemonialen Männlichkeitskonstruktionen geprägten Diskurs (Alt/Röder 2009; Dommasnes et al. 2010; Fries/Rambuscheck/Schulte-Dornberg 2007; Müller-Scheeßel 2011; Röder 2014). Heute ist, nach rund 30 Jahren kritisch feministischer Geschlechterforschung, die spezifische Auseinandersetzung mit Gender und Sex ein kleines, aber überwiegend akzeptiertes Forschungsgebiet.

Trotzdem wird weiterhin vielfach angenommen, dass alle prähistorischen Gesellschaften ein stabiles, eindeutiges und lebenslang gleiches Konzept von geschlechtlicher Identität, Geschlechterrollen, Familienbildung, Sexualität und damit verbundenen gesellschaftlichen Rollen aufweisen. Auch wird davon ausgegangen, dass Geschlecht (Sex und Gender) jeweils eine der wichtigsten, wenn nicht die wichtigste soziale Kategorie war (Hofmann 2014; Rambuscheck 2018; Burmeister/Müller-Scheeßel 2005). Diese Annahmen führen zu einem eng begrenzten Rollenrepertoire. Sie schließen sowohl unterschiedliche Formen von Weiblichkeit und Männlichkeit aus wie auch weitere Geschlechter, Veränderungen innerhalb eines Lebens, Uneindeutigkeit oder Zwischenformen (Alt/Röder 2009; Hofmann 2009; Voss 2008; Alberti 2013; Ghisleni/Jordan/Fioccoprile 2016). Dadurch ist Geschlecht von Seiten archäologischer Forschung als vermeintlich eindeutige soziale Kategorie dabei, sowohl als falsche historisierende als auch ebenso zeitlose anthropologische Konstante behandelt zu werden.

In der gemeinsamen Session der AG Theorien in der Archäologie und der AG Geschlechterforschung möchten wir, ausgehend von der Geschlechterforschung in den Archäologien, beleuchten, wie tief sich ein binäres Denk- und Forschungssystem in die archäologische Betrachtung über Geschlechtlichkeit und darüber hinaus eingeschrieben hat. Wie drückt sich dieses ideengeschichtlich, methodisch, konzeptionell und theoretisch aus, und existieren hierzu Alternativen (Queerfeminismus, Intersektionalität, Biographieforschung, Mikroanalysen, komplexe Systeme, Ethnoarchäologie, anarchistische Ansätze, ArchivialTurn, Anthropologie, Feminist Materialism etc.), die nicht nur als reflektiert theoretisch, sondern auch in der methodischen Umsetzung greifen können. Ferner wollen wir der Frage nachgehen: Existiert tatsächlich ein Bedürfnis nach Eindeutigkeit in archäologischer Forschung?

Wir möchten Wege aufzeigen und Methoden entwickeln, Unklarheit, Negativergebnisse und Komplexität besser auszuhalten und auch als Ergebnis archäologischer Forschung an die Öffentlichkeit zu vermitteln. Gemeinsam wollen wir mehr Offenheit für eine größere Vielfalt an Geschlechtern, ihren Ausdrucksweisen und Entwicklungen anstoßen und uns vor Augen führen, was es zu gewinnen gibt, wenn wir uns vom Bedürfnis nach klaren, eindeutigen und simplen Ergebnissen (nicht nur) bezüglich der Geschlechter lösen.

Wir planen eine interaktive Session mit hohem Anteil an World Cafés und Diskussionsphasen mit einigen Inputvorträgen. Die Zahl der Vorträge wird deshalb begrenzt sein.

Wir bitten um Vorschläge für Vorträge à 20 min.

Abstracts von 400 bis 600 Zeichen bitte bis zum 15.05.2021 an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! senden.

Organisatorinnen: Hanna Jegge, Jana Esther Fries, Sophie-Marie Rotermund

 

Literatur

Benjamin Alberti, Queer prehistory: Bodies, performativity, and matter. In: Diane Bolger (Hrsg.), A companion to gender prehistory (Malden 2013) 86–107.

Kurt W. Alt/Brigitte Röder, Das biologische Geschlecht ist nur die halbe Wahrheit. Der steinige Weg zu einer anthropologischen Geschlechterforschung. In: Ulrike Rambuscheck (Hrsg.), Zwischen Diskursanalyse und Isotopenforschung. Methoden der archäologischen Geschlechterforschung. Frauen – Forschung – Archäologie 8, 2009, 85-129.

Stefan Burmeister/Nils Müller-Scheeßel, Der Methusalemkomplex. Methodologische Überlegungen zu Geschlecht, Alter und Sozialstatus am Beispiel der Hallstattzeit Süddeutschlands. In: J. Müller (Hrsg.), Alter und Geschlecht in ur- und frühgeschichtlichen Gesellschaften [Tagung Bamberg 2004].Univforsch. Prähist. Arch. 126 (Bonn 2005).

Liv H.Domnases et al. (Hrsg.), Situating Gender in European Archaeologies (Budapest 2010).

Jana E. Fries et al. 2007 (Hrsg.), Science oder Fiction? Geschlechterrollen in archäologischen Lebensbildern (Münster 2007).

Lara Ghisleni/Alexis M. Jordan/Emily Fioccoprile (Hrsg.), “Binary Binds”. Deconstructing Sex and Gender Dichotomies in Archaeological Practice. Journal of Archaeological Method and Theory 23,3, 2016.

Kerstin P. Hofmann, Geschlechterforschung In: D. Mölders/S. Wolfram (Hrsg.), Schlüsselbegriffe der Prähistorischen Archäologie. Tübinger Archäologische Taschenbücher 11 (Münster 2014).

Nils Müller-Scheeßel, Wirklich nur Jagen, Kämpfen, Saufen? Die Konstruktion von Männlichkeit in ur- und frühgeschichtlichen Gesellschaften. Altertum 56, 2011, 205-222.

Ulrike Rambuscheck, Die Vielfalt der Geschlechter: komplexe Identitäten statt binäre Konzepte. Einleitung ins Thema, Archäologische Informationen 41, 2018, 151-154.

Brigitte Röder (Hrsg.) Ich Mann. Du Frau. Feste Rollen seit Urzeiten? (Freiburg im Breisgau/Berlin 2014)

Barbara L. Voss, Sexuality studies in archaeology. Annual Review of Anthropology 37(1), 2008, 317-336.