Flüchtige Identitäten: Jagd als Schauplatz geschlechtlicher Phantasien

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Call for Papers

 
Unzählige antike Mythen berichten von männlichen Heroen, deren politische und sexuelle Gewalt in Bildern der Jagd Ausdruck finden. Gleichzeitig aber kann die Jagd nicht bruchlos als Refugium unhinterfragter Männlichkeit apostrophiert werden. Denn dieselben Mythen sind auch von jagenden Frauen bevölkert – wie beispielsweise der Jagdgöttin Diana, ihren Nymphen Daphne, Kalisto und Echo oder aber Sterblichen wie der Jägerin Atalante, die durch ihren Geliebten Meleager Zugang zu einer zuvor rein männlichen Jagdgesellschaft erhält und den kalydonischen Eber entscheidend verwundet. Aber auch in den Minneliedern des Mittelalters tauschen die Liebenden auf der Liebesjagd lustvoll die Plätze und standesbewusste Rollenportraits frühneuzeitlicher Fürstinnen zeugen nicht weniger als Fremd- und Selbstinszenierungen kolonialer Jägerinnen besonders seit dem 19. Jahrhundert von der Vielfalt und Komplexität geschlechtlicher Rollenbilder der Jagd.

Zwar diente diese als Sinnbild und Exemplifikationstechnik asymmetrischer Machstrukturen immer wieder der Naturalisierung geschlechtlicher Differenz und Binarität. Allerdings scheinen Jagden und deren Medialisierungen immer wieder Räume zu eröffnen, in denen geschlechtliche und andere Grenzen nicht nur gezogen und bestätigt, sondern auch verunsichert und verwischt werden. Denn gleich ob sich der Jüngling Leukippos im antiken Mythos als Frau verkleidet, um sich Zugang zur Jagdgesellschaft der jungfräulichen Nymphe Daphne zu verschaffen, oder ob sich zweitausend Jahre später in Ernst Jüngers Kurzgeschichte Die Eberjagd (1952) das titelgebende Wild im Moment der Erlegung von einem prototypisch ,männlichen Tier‘ in ein als potentiell ,weiblich‘ gelesenes Wesen verwandelt: Die zumindest temporäre Veruneindeutigung von Geschlechtergrenzen, ihr Flottieren, scheint mit der prinzipiellen Liminalität der Jagdsituation und ihren Inszenierungen zwar nicht zwangsläufig, aber doch immer wieder einherzugehen.

Diese Ambivalenzen der Jagd als kulturelle und symbolische Praktik sowie ihrer ästhetischen (literarischen, künstlerischen, performativen) Inszenierungen sind Ausgangspunkt des Tagungs- und Publikationsprojektes, dessen Ziel die Erarbeitung eines Grundlagenwerks zu jagdlichen Geschlechterbildern in der europäischen Kulturgeschichte ist. In historischer wie intersektionaler Perspektive wollen wir die Rolle erfassen, die das Zusammenspiel von faktischer Jagd und ihrer Medialisierung bei der Erzeugung und der Destabilisierung von Geschlechterbildern hatte. Im Fokus stehen dabei folgende sich überschneidende Zugänge:

Jagdliche Praktiken:

Welche Rolle spielten unterschiedliche Jagdpraktiken sowie deren Inszenierung bei der Konstruktion von Geschlechteridentitäten? Wann und warum wurden welche Jagdpraktiken als spezifisch ,männlich‘ oder ,weiblich‘ betrachtet? Was sind historische Zäsuren für die Geschichte jagdlicher Geschlechterbilder: welche historischen Konstanten, epochalen Veränderungen und regionalen Verschiedenheiten lassen sich ausmachen?

Männerwelten:

Welche Männlichkeitsentwürfe wurden durch die Jagd performativ und medial hervorgebracht? Welche Jagdbräuche, -techniken und -gesetze machten die Jagd zu einem effektiven Mittel der Demonstration und Narrativierung von Virilität? Sind diese Narrativierungen an bestimmte künstlerische Genres gebunden? Wie wurden Vorstellungen geschlechtlicher Differenz mittels der Jagd naturalisiert? Welche homoerotischen Konstellationen hat Jagd produziert und sublimiert?

Jagende Frauen:

Welche Weiblichkeitsentwürfe wurden durch die Jagd performativ und medial hervorgebracht? Unter welchen gesellschaftlichen und politischen Bedingungen konnten Frauen jagdliche Semantiken umdeuten oder heteronormative Verhältnisse subvertieren? Sind Narrativierungen weiblichen Jagens an bestimmte künstlerische Genres, Gattungen u.a. gebunden bzw. aus diesen ausgeschlossen und warum? Welche Bedürfnisse (oder Ängste) bedienten Erzählungen mythischer Jägerinnen und die Omnipräsenz von Diana in Bildern, Bauten oder Festen der Jagd?

Weibliche, männliche und andere Tiere:

Wie bekräftigte oder unterlief das Verhältnis zu Wild- oder Helfertieren wie Pferden und Hunden heteronormative Geschlechtervorstellungen? Wie wurde der ausgeprägte Geschlechtsdimorphismus reflektiert – gerade auch in Fällen, in denen die größeren Weibchen die bevorzugten Jagdtiere waren wie beispielsweise bei Habicht oder Sperber? Welche Rolle spielte das Geschlecht gejagter Tiere in empathischen Beschreibungen des jägerlichen Begehrens und seiner Identifikation mit dem verfolgten Tier?

Intersektionale Perspektiven:

Inwiefern wird in literarischen und künstlerischen Repräsentationen von Jagd das Verhältnis von ‚Mensch‘ und ‚Tier‘, ‚Natur‘ und ‚Kultur‘ und ‚Eigenem‘ und ‚Fremdem‘ geschlechtlich semantisiert und inwiefern ist dies einem historischen Wandel unterworfen? In welchen Konstellationen stieß die Jagd als Technik der Demonstration von Überlegenheit in Sachen gender, class und race an ihre Grenzen? Produzierte die Jagd auch nicht-binäre (Geschlechter-)konstellationen und/oder transkulturelle Situationen? Inwiefern sind diese z.T. ebenfalls verschränkt mit der Überschreitung oder Verfestigung sozialer Grenzziehungen?

Zu diesen und verwandten Fragestellungen bitten wir besonders um literatur-, kunst- und kulturwissenschaftliche, geschichtswissenschaftliche und andere Themenvorschläge. Schicken Sie dazu bitte bis zum 31. Dezember 2021 ein Abstract von 250 Wörtern für einen 20 oder 30 Minuten langen Vortrag (deutsch/englisch) zusammen mit einem kurzen CV an Dr. Laura Beck (Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!) und an Jun.-Prof. Dr. Maurice Saß (Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!). Benennen Sie dabei bitte einen der obigen Zugänge (Jagdliche Praktiken, Männerwelten etc.), dem Sie Ihren Vorschlag zuordnen würden. Reise- und Übernachtungskosten werden voraussichtlich anteilig erstattet. Im Anschluss an die Tagung wollen wir die Ergebnisse zügig in einem Sammelband publizieren.

Zeitplan:

Termin für die Einreichung von Abstracts: 31. Dezember 2021
Rückmeldung zu den Abstracts: 10. Januar 2022
Termin der Tagung (online oder präsentisch in Bremen): 12.–14. Mai 2022
Frist für die Einreichung der Aufsatzmanuskripte: 1. November 2022

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Universität Bremen
Fachbereich 10 – Sprach- und Literaturwissenschaften
Dr. Laura Beck
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https://www.uni-bremen.de/fb-10/fachbereich/wissenschaftlerinnen-wissenschaftler/wiss-mitarb/dr-phil-laura-beck

Alanus Hochschule
Institut für philosophische und ästhetische Bildung
Jun.-Prof. Dr. Maurice Saß
E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
https://www.alanus.edu/de/hochschule/menschen/detail/maurice-sass/a932bf0430c1974ded69435129907759/

 

Countless ancient myths focus on male heroes whose political and sexual violence is linked to images of the hunt. At the same time, however, hunting is not always and unquestionably associated with masculinity. The same myths are also populated by hunting women – such as the Greek goddess Artemis, her nymphs Daphne, Kalisto and Echo, and mortals such as Atalante, who, after gaining access to a male hunting party through her lover, decisively wounds the Calydonian boar. Later on, in the Minnelieder songs of the Middle Ages, lovers engage in an erotic chase during which the role of the hunter and the hunted seem – at times – interchangeable. And the carefully orchestrated portraits of early modern princesses in hunting costumes bear as much witness to the subversion of gender roles as the (self-)representations of colonial huntresses since the nineteenth century.

As a symbol and technique that – in itself – seemed to gesture towards asymmetrical power structures, hunting has always served to naturalise gender difference and binarity. However, hunts and their representations always seem to open up spaces in which gender and other boundaries are not only established and consolidated, but also unsettled and blurred. Both the young man Leukippos in the ancient myth who disguises himself as a woman in order to gain access to the virgin nymph’s hunting party and the male animal in Ernst Jünger’s short story Die Eberjagd (The Boar Hunt) (1952) that is, at the moment of the kill, are transformed and can be read as ‘female’. There is an – albeit temporary – ambiguity of gender boundaries, a floundering, which seems – if not inevitably but repeatedly – to go hand in hand with the principal liminality of the hunting situation and its stagings.

These ambivalences of hunting as a cultural and symbolic practice as well as its aesthetic (literary, artistic, performative) stagings are the starting point of the conference and the publication project, which is designed to give an extensive overview of the interrelations between gender and the hunt in European cultural history. From a historical as well as intersectional perspective, we wish to examine how the interplay between actual hunting and its representations reinforced and/or destabilized certain gender images. The focus will be on the following intersecting approaches:

Hunting practices:

What role did different hunting practices and their stagings play in the construction of gender identities? When and why were which hunting practices considered specifically ‘male’ or ‘female’? Which historical caesurae inform the history of gender images when it comes to hunting: are there historical constants, epochal changes and regional differences that can be identified?

Men’s worlds:

Which concepts of masculinity have been produced through the practice and representation of the hunt? Which customs, techniques and laws made hunting an effective means of demonstrating and narrating virility? Are these narratives tied to specific artistic genres? How were notions of gender difference naturalised through hunting? Which homoerotic constellations did hunting produce and sublimate?

Women on the hunt:

Which concepts of femininity were produced through hunting, its performance and aesthetic representation? Under what social and political conditions could women reinterpret hunting semantics or subvert heteronormative relations? Are narratives of female hunting bound to certain artistic genres, genres, etc. or excluded from them, and, if so, why? What needs (or fears) were expressed by narratives of mythical female hunters and the omnipresence of Artemis/Diana in images, buildings or festivals of hunting?

Female, male and other animals:

How did the relationship to wild or domestic animals such as horses and dogs affirm or subvert heteronormative gender notions? How was the pronounced sexual dimorphism reflected – especially in cases where the larger females were the preferred hunting animals, such as in the case of the goshawk or sparrowhawk? Which role did the gender of hunted animals play in empathic descriptions of the hunter’s desire and identification with the pursued animal?

Intersectional perspectives:

To what extent is the relationship between „human“ and „animal“, „nature“ and „culture“ as well as „foreign“ and „familiar“ in literary and artistic representations of hunting gendered and to what extent is this subject to historical change? In which constellations did hunting as a technique of demonstrating superiority in terms of gender, class and race reach its limits? Did hunting also produce non-binary (gender) constellations and/or transcultural situations? To what extent are these also partly intertwined with the transgression or consolidation of social boundaries?

For these and related questions, we especially ask for suggestions for topics in literature, art and cultural studies, history and other fields. To submit send a 250 words abstract for a 20 or 30 minute paper (English/German) and a short bio to Dr. Laura Beck (Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!) and Prof. Dr. Maurice Saß (Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!) before December 31, 2021. Please name one of the approaches above (hunting practices, men‘s worlds, etc.) to which you would assign your proposal. Partial reimbursements of travel and/or stay may be offered. After the conference we would like to publish the results in an anthology as soon as possible.

Schedule:

Deadline for submissions: 31 December 2021
Applicants will be notified by 10 January 2022
Date of the conference (online or presentational in Bremen, Germany): 12–14 May 2022
Deadline for submission of manuscripts: 1 November 2022

 

Quelle

URL zur Zitation dieses Beitrages
https://www.hsozkult.de/event/id/event-114113