Cluster 3 „Körper und Tod. Konzepte – Medien – Praktiken“

Call for Papers

„Konzepte von Körper und Tod“ – Jahrestagung 2022

8.–11. September 2022, DAI Berlin

Organisation:

Alexander Gramsch, Norbert Zimmermann, Julia Gresky (Sprecher*innen Cluster 3), Marion Benz, Dominik Hagmann, Julia Hahn, Matthias Hoernes, Lukas Kerk, Rebekka Pabst, Julienne Schrauder, Stefan Schreiber, Jutta Stroszeck, Tamara Ziemer

Das DAI-Forschungscluster „Körper und Tod“ wurde 2021 gegründet mit den Zielen, den Austausch zwischen den verschiedenen archäologischen und anthropologischen Fächern, die sich mit dem menschlichen Körper befassen, zu fördern und den Körper als Forschungsthema zu etablieren. „Körper und Tod“ bilden ein Querschnittsthema für alle Forschungsfragen, die sich mit körperbezogenen Praktiken und Konzepten beschäftigen und die Quellen erschließen, anhand derer der Umgang mit dem lebenden wie dem toten Körper rekonstruiert und interpretiert werden kann. Dazu gehören neben den menschlichen Überresten selbst auch schriftliche und bildliche Quellen sowie ‚körpernahe Dinge‘ aus antiken, kulturanthropologisch untersuchten und rezenten Gesellschaften. Die erste Jahrestagung des Clusters eröffnet die Möglichkeit, in drei thematischen Sektionen und unter breit gefächerter disziplinärer Beteiligung Zugänge zu Konzepten des lebenden sowie des toten Körpers und des Todes zu erörtern. Während der hybrid stattfindenden Tagung wird es ausreichend Zeit für Diskussionen geben, um ein wechselseitiges Verständnis für die Fragestellungen, Zugänge und Methoden naturwissenschaftlicher, (bio-)archäologischer, kulturanthropologischer und historischer Forschungen zu „Körper und Tod“ zu erzielen.

The DAI research cluster “Body and Death” was founded in 2021 with the aims of promoting exchange between the various archaeological and anthropological disciplines concerned with the human body and establishing the body as a research topic. “Body and death” forms a cross-cutting theme for all research questions that deal with body-related practices and concepts, exploring sources that allow reconstructing and interpreting the handling of both the living and the dead body. In addition to the human remains themselves, this includes written and pictorial sources as well as things closely related to the body (‘body-related things’) from ancient and contemporary societies all over the world. In three thematic sections and with broad disciplinary participation, the first annual conference of the cluster opens up the possibility of debating approaches to past concepts of the living as well as the dead body and of death. During the hybrid conference, there will be sufficient time for discussions to achieve a mutual understanding of the questions, approaches, and methods used in (bio-)archaeological, cultural anthropological, and historical research on “body and death”.

Sektion 1: Norm und Abweichung. ‚Normale‘ vs. kranke / eingeschränkte Körper

Ab wann körperliche Eigenheiten als nicht mehr ‚normal‘ gelten und als abweichend ‚pathologisiert‘ werden, seien diese z. B. angeboren oder durch Krankheiten oder Alltagspraktiken oder Ernährung hervorgerufen, ist nicht in allen Gesellschaften und Kulturen gleich. Ziel der Sektion ist es, theoretisch und anhand von Fallbeispielen die Möglichkeiten zu erörtern, wie insbesondere in antiken oder ethnologisch untersuchten Gesellschaften mit körperlichen Abweichungen umgegangen wurde und ob es Konzepte von Patho- bzw. Salutogenese gab. Lassen sich ‚körperliche Konventionen‘ erkennen? Was definiert die Abweichung und wie verhalten sich ‚normal‘ / ‚konventionell‘ und ‚abweichend‘ / ‚eigentümlich‘ zueinander? Wurden solche Konzeptionen als Gegensätze oder als Punkte in einem Kontinuum körperlicher Diversitäten gesehen? Führten sie zu unterschiedlichen körperbezogenen Praktiken? Resultierten solche Zuschreibungen in Integration oder Absonderung, Zuwendung oder Stigmatisierung? Wurde versucht, die (möglicherweise weit gefasste) Norm wiederherzustellen – z. B. durch ‚care‘-bezogene Praktiken oder Dinge der ‚Ermöglichung‘ (Hilfsmittel im weitesten Sinne)? Welche Quellen können wir zur Beantwortung solcher Fragen heranziehen, einschließlich ‚körpernaher Dinge‘? Derartige Fragen nach Standard und Abweichung von Körpern und dem Umgang damit sollen sowohl in einen kultur- als auch in einen naturwissenschaftlichen Rahmen gebettet werden und eine Vielfalt (bio-)archäologischer, historischer und kulturanthropologischer Ansätze aufgezeigt werden.

Session 1: Norm and deviation. ‘Normal’ vs. disabled bodies

The point at which bodily characteristics are no longer considered ‘normal’ but deviant or pathological is not the same in all societies and cultures, regardless whether causes of peculiarities are congenital, infectious or the result of everyday practices and nutrition. The aim of the section is to discuss, theoretically and with the help of case studies, the ways in which bodily deviations were responded to, cross-culturally and in ancient societies, and whether concepts of patho- or salutogenesis existed. Can ‘bodily conventions’ be identified? What defines deviation and how do ‘normal’ / ‘conventional’ and ‘deviant’ / ‘peculiar’ relate to each other? Were such conceptions seen as opposites or as points in a continuum of bodily diversities? Did they lead to different body-related practices? Did such attributions result in integration or segregation, affection or stigmatisation? Were attempts made to restore the (possibly broad) norm – e. g. through ‘care’-related practices or ‘enabling’ things (e. g. protheses and assistive devices in the broadest sense)? What sources can we draw on to answer such questions, including material culture contextualised with the body (‘body-related things’)? Such questions about the standard and deviation of bodies and the related practices will be embedded in both a cultural and a natural science framework allowing for a variety of (bio-)archaeological, historical and cultural anthropological approaches.

Sektion 2: Idealisierung, Ästhetisierung und Stigmatisierung von Körpern

Körperkonzepte wurden nicht nur über die Normierung und Abweichung sowie Integration und Absonderung physiognomisch un/auffälliger, gesunder/kranker, nicht/beeinträchtigter, dys/funktionaler Körper gebildet. Sie gingen immer auch mit performativen und medialen Praktiken der Idealisierung, Ästhetisierung und Stigmatisierung einher, die Körper symbolisch und materiell verändern und in gesellschaftliche Zusammenhänge einbetten. Innerhalb der zweiten Sektion treten physische Körper und die vielfältigen Möglichkeiten ihrer Modifikation zu Lebzeiten sowie die daraus resultierenden soziokulturellen Repräsentationen und Bedeutungen in den Fokus. Um sich aus dieser Perspektive den verschiedenen Körperkonzepten vergangener Gesellschaften anzunähern, möchten wir zur Auseinandersetzung mit den folgenden Fragen einladen:

– Existieren Diskrepanzen oder Übereinstimmungen zwischen der Darstellung des Aussehens von Körpern und ihren Veränderungen in Text- und Bildquellen auf der einen und ihrem archäologischen Nachweis sowie ihrer Betrachtungsweise aus anthropologischer Sicht auf der anderen Seite? Lassen sich daraus Rückschlüsse auf Praktiken der Idealisierung, Ästhetisierung oder Stigmatisierung ziehen?

– Wie, wann und von wem wurden Veränderungen am Körper vor- und wahrgenommen und welche (sozialen) Folgen hatten diese? Mit welchen Sorge- und Gewalt-Praktiken wurden Körper idealisiert, ästhetisiert oder stigmatisiert?

– Welche Rollen kamen ‚körpernahen Dingen‘ (z. B. Schmuck, Parfüm, Kosmetik oder Kleidung) und Praktiken (z. B. Tätowieren, Skarifizieren) zu? Wie wirken diese Aspekte zusammen, sind sie individuell differenzierbar oder bilden sie regelhafte Komplexe, die zu sozialen Stereotypen werden (können)?

– Wie wirken sich Gender auf Vor- und Herstellungen von Körpern aus? Welche Formen des sozialen Geschlechts galten wann als ideal, ästhetisch oder stigmatisierend und wie wurden diese durch Körpertechniken und -modifikationen unterstützt?

– Wie verändern sich verschiedene Körperideale und -stigmata im Wechsel medialer Repräsentationen? Weisen diese auf milieuspezifische oder situative Körperkonzepte hin oder sind hier unterschiedliche Repräsentationskonventionen zu fassen?

Session 2: Idealisation, aestheticisation and stigmatisation of bodies

Body concepts were not only constructed through the standardisation and deviation as well as integration and segregation of physiognomically in/conspicuous, healthy/ill, non-/impaired, dys/functional bodies. They have always been accompanied by performative and medial practices of idealisation, aestheticisation and stigmatisation, which symbolically and materially change bodies and embed them in social contexts. Within the second section, physical bodies and the manifold possibilities of their cultural modification during lifetime as well as the resulting socio-cultural representations and meanings come into focus. In order to approach the various body concepts of past societies from this perspective, we would like to invite an examination of the following questions:

– Do discrepancies or similarities exist between the representation of the appearance of bodies and their changes in textual and pictorial sources on the one hand and their archaeological evidence as well as their approach from an anthropological perspective on the other? Can conclusions be drawn about practices of idealisation, aestheticisation or stigmatisation?

– How, when and by whom were changes to the body carried out and perceived, and what (social) consequences did these have? What practices of care and violence were used to idealise, aestheticise or stigmatise bodies?

– What was the role of ‘body-related things’ (e. g. jewellery, perfume, cosmetics or clothing) and body practices (e. g. tattooing, scarification)? How do these aspects interact, are they individually differentiable or do they form regular complexes that (can) become social stereotypes?

– How does gender affect the ideas and productions of bodies? Which forms of gender were considered ideal, aesthetic or stigmatising and when, and how were these supported by body techniques and modifications?

– How do different body ideals and stigmas transform in changing media representations? Do these point to milieu-specific or situational body concepts or can different representational conventions be grasped?

Sektion 3: Konzepte von Tod und vom toten Körper

Praktiken des Umgangs mit dem toten Körper, die auf vielfältige Möglichkeiten der Modifikation zurückgreifen, beeinflussen dessen Veränderung und folgen mehr oder weniger streng normierten Regeln. Umgekehrt bestimmen soziokulturelle Kontexte sowie individuelle Spezifika die Bedeutung und Wirkung thanatologischer Praktiken. Welche Rolle spielten also Teile der oder die toten Körper und Artefakte:

  1.  bei der Inszenierung der Toten und für die Projektion von Konzepten zum Tod und zu den Toten,
  2.  zur Aufrechterhaltung von Relationen zwischen den Toten und Lebenden,
  3.  für Identifikationsprozesse der Lebenden?

Die Sektion richtet sich u. a. an folgenden Fragen aus:

– Auf welche Weise griffen die Lebenden bewusst in taphonomische Prozesse ein, um die natürliche Veränderung des toten Körpers zu beeinflussen (‚gesteuerte Taphonomie‘, z. B. Mumifizierung, Verbrennung)?

– Welche Bedingungen wurden genutzt oder hergestellt, um biologische Transformationsprozesse zu steuern, zu befördern oder zu verhindern?

– Welche Rolle spielen dabei Ausrichtung und Lage des toten Körpers, Dinge und Ding-Inszenierungen oder das Fehlen von Dingen?

– Sind Aussagen zur Bedeutung transformativer Praktiken erschließbar? Was bedeuten Abweichungen von der Norm? Sind diese als Stigmatisierungen (z. B. Überhöhung oder Bestrafung der/des Toten) oder als nicht-normative Formen der Trauer, des “coping” zu interpretieren?

– Lassen sich Praktiken im Umgang mit Körpern und Artefakten feststellen, die auf bewusstes Erinnern oder Vergessen abzielen könnten?

Session 3: Concepts of death and the dead body

Practices of dealing with the dead body draw on a wide array of possible interventions to affect how the corpse will alter, and which follow more or less rigidly applied social conventions. Socio-cultural contexts and personal specificities determine the significance and effect of thanatological practices. What is the role of the body itself, its parts and of artefacts from this perspective:

  1.  in staging the deceased and in applying concepts of death or of the dead body,
  2.  for retaining relations between the dead and the living,
  3.  for creating social identity among the living?

The section will proceed along the following main questions:

– In which way can and do the living deliberately influence taphonomic processes in order to direct the natural change the body is subject to (‘directed taphonomy’, e. g. mummification, cremation)?

– Which conditions are used or created in order to manage, to accelerate, or to hamper transformation processes?

– What role do the orientation and position of the dead body play in this, and what can material things, their display or absence tell us?

– How can we approach the significance of transformative acts?

– What is the significance of anomalies and disparities? Can these be interpreted as stigmatisation (e. g. elevation / heroization or punishment of the deceased) or rather as expressions of irregular forms of grief and coping?

– Can we detect practices in handling bodies or artefacts that aim at deliberate commemoration or forgetting?

 

Einreichung von Abstracts / Abstract Submission

Abstracts (ca. 300 Wörter) können in Deutsch oder Englisch bis 21.3.2022 eingereicht werden an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!.

Abstracts (c. 300 words) in German or English should be sent to Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! by 21 March 2022.

 

Format

Die Konferenz dauert 2 ½ Tage und beginnt mit einem Abendvortrag, gefolgt von ca. 20 Vorträgen (20 Minuten mündliche Präsentation mit jeweils 10 Minuten Diskussion). Die Vorträge können in Präsenz oder online präsentiert werden.

The conference lasts 2 ½ days, starting with an evening lecture followed by c. 20 presentations (20 minutes oral presentation with 10 minutes discussion each). The lectures can be presented in presence or online.

 

Weitere Informationen / Further information

https://www.dainst.org/forschung/netzwerke/forschungscluster/cluster-3/konzept

https://www.dainst.blog/crossing-borders/2021/10/12/auftakttagung-des-dai-clusters-koerper-und-tod-konzepte-medien-praktiken/