
Rezension zu Marta Yustos, Diego Rodriguez Robredo: Femina sapiens – Die Entwicklung der Menschheit aus der Perspektive der Frau
Rezension von Gisela Schulte-Dornberg
Das Buch Femina Sapiens richtet sich an Kinder und will ihnen die Evolution des Homo sapiens aus der Perspektive von Frauen vermitteln. Es handelt sich um ein Sachbuch für Kinder ab etwa 10 Jahren.
Zahlreiche Bilder illustrieren, manchmal an Wimmelbücher anmutend, kurze Text“schnipsel“. Es gibt viel zu gucken und vieles wird erklärt. Einen durchgehenden Text über die Schnipsel hinaus gibt es nicht. In verschiedenen Kapiteln wird jeweils ein abgeschlossenes Thema behandelt, das in einem einleitenden kleinen Absatz beschrieben wird. Passend zum Thema folgt auf jeder Doppelseite eine größere Darstellung zur Illustration. Auf jeder Seite findet man Detailbilder , die im einzelnen benannt und erläutert werden.
Die behandelten Themen schlagen einen weiten Bogen. Das Spektrum reicht vom Stammbaum der Evolution über einen Vergleich der Anatomie von Mensch und Schimpanse und führt zu Veränderungen der Umwelt und dadurch notwendigen Anpassungen bis hin zur Ausbreitung der Hominini über die Welt. Neandertaler finden ebenso ihren Platz im Buch wie die Menschen von Denisova in Sibirien und der Insel Flores im Indischen Ozean. Die zu den Themen gehörenden Bilder zeigen verschiedene Lebensräume und ihre Bewohner*innen. Vor diesem Hintergrund spielt sich das Leben verschiedener Menschengruppen ab, mit ihren ganz unterschiedlichen Werkzeugen, Behausungen und Tätigkeiten.
Bei der Darstellung der Menschen dominieren Frauen in aller Vielfältigkeit: kleine und große Frauen, junge und alte, Schwangere und Nicht-Schwangere, in allen Hautfarben. Sie üben alle denkbaren Tätigkeiten aus, Jagd und Fischfang, Höhlenmalerei, Essenszubereitung und mehr. Spielende Kinder bevölkern das Bild. Auch Männer in allen Lebensphasen werden gezeigt, nicht nur bei der Jagd, sondern häufig bei Tätigkeiten, die nach herkömmlichen Rollenbildern Frauen zugeschrieben werden, wie beim Tragen eines Babys, beim Schaben von Fellen, beim Weben usw.
Die Kreativität der Menschen, die über die reine Subsistenz hinausgeht, wird ebenfalls als Thema aufgegriffen, bei Neandertalern und bei modernen Menschen. Körperschmuck, Frauenstatuetten (im Buch noch als „Venus“ bezeichnet) und Höhlenkunst werden illustriert. Die Frage, wer die Urheber*innen der Kunst waren, wird nicht ausgespart.
Dass die Vorstellungen der Menschen „über das Leben hinaus“ hinaus gingen, zeigt die besondere Behandlung ihrer Toten. Auch das wird in einem eigenen Kapitel behandelt. Hier wird kritisch betrachtet, ob Grabbeigraben tatsächlich regelmäßig auf das Geschlecht der bestatteten Person hinweisen.
Im letzten Kapitel zur Archäologie geht es um das Aufkommen der Sesshaftigkeit der ehemalig nomadisch lebenden Menschen nach dem Ende der letzten Eiszeit. In der „Übernahme unterschiedlicher, aber gleichermaßen wichtiger Aufgaben durch Männer und Frauen“ wird der Ursprung für die Trennung der Geschlechter verortet.
Das letzte Kapitel behandelt „Frauen, die begeistern“ und ist eine Hommage an die Pionierinnen in beteiligten Fächern, die jeweils ganz kurz in Text und Bild vorgestellt werden. Dazu gehören Primatenforscherinnen wie Jane Godall und Diane Fossey, Archäologinnen wie Mary Leakey, Encarnación Cabré, Mary Kingsley und Marija Gimbutas, Ethnologinnen wie Mary Kingsley und weitere mehr.
Die letzte Doppelseite zeigt nochmal das „Familienalbum“ des menschlichen Stammbaums in der Übersicht und zum Nachschlagen von Begriffen. Dazu gehört auch ein Zeitstrahl der gesamten Erdgeschichte mit dem kleinen Zeitabschnitt, den die heutigen Menschen und ihre Vorfahren darin bevölkern.
Die Absicht, die mit diesem Buch verfolgt wird, wird auf der Rückseite des Einbandes klar benannt: „Warum sprechen wir bei der Rekonstruktion der Vorgeschichte nur von Männern? Warum konzentriert sich die Forschung nicht auch auf die Überreste von Frauen, die in großer Zahl gefunden wurden?“.
Die Frage nach dem „Warum“ beantwortet das Buch eher nicht, aber es dreht definitiv die Perspektive um. Das geschieht in einer bunten und erfrischenden Art und Weise. Jedes der Kapitel kann man für sich betrachten und findet immer wieder neues darin. Genauso gut kann man den roten Faden von Anfang bis Ende verfolgen. Die abgebildeten Menschen aller Art werden nicht als finstere Gestalten gezeigt, sondern lebhaft, mit zumeist freundlichen Gesichtern. Manche winken sogar ins Publikum. Das lädt zum wiederholten Stöbern ein.
Die Autorin Marta Yustos ist Anthropologin. Seit vielen Jahren arbeitet sie im Museum der menschlichen Evolution (MEH) in Burgos als Wissenschaftspädagogin und ‑kommunikatorin.
Diego Rodríguez Robredo hat sowohl Archäologie als auch wissenschaftliche Illustration studiert. Beides verbindet er in diesem Buch zur sachgerechten und lebendigen Illustration der Erkenntnisse zur Vorgeschichte.
48 Seiten, Hardcover, Euro (D) 20 | Euro (A) 20.7 | CHF 28
ISBN 978–3‑03876–283‑6 (Midas Kinderbuch)

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