Bericht über die Sitzung der AG Geschlechterforschung „Blut, Wasser oder DNA? Familien jenseits von (biologischer) Verwandtschaft“ am 24.09.2026 in Bonn
Ulrike Rambuscheck
Unter der Leitung der Organisatorinnen Clara Schaller und Jana Esther Fries fand in Bonn die 12. Sitzung der AG Geschlechterforschung bei der gemeinsamen Tagung des West- und Süddeutschen, des Nordwestdeutschen und des Mittel- und Ostdeutschen Verbandes für Altertumsforschung statt. Ca. 20 Teilnehmende fanden sich im Tagungsraum zusammen, einige Teilnehmende waren digital dazugeschaltet.
Jana Esther Fries führte in ihrem Vortrag „Blut und Wasser? Was unsere Familienbilder über die Archäologie verraten“ in das Thema ein. Sie verwies darauf, dass in Antike und Mittelalter Familie als eine Hausgemeinschaft verstanden wurde, die an einem Wohnort gemeinsam wirtschaftete. Erst mit der Industrialisierung fand eine Trennung von Wohn- und Arbeitswelt statt und die Kleinfamilie etablierte sich. Zur gleichen Zeit entstand die Ur- und Frühgeschichte als Freizeitbeschäftigung bürgerlicher Männer und auch Frauen. Da man die eigenen Vorfahren, also Germanen, Kelten und Slawen, nicht als Barbaren ansehen wollte, wurden ideale Bilder von Männern, Frauen und Familie in die Vergangenheit rückprojiziert: So wurde die heterosexuelle Kleinfamilie als universell angesehen, obwohl schon damals anderes bekannt war wie Adoption, Tod eines Elternteils, das Abgeben von Kindern an Ammen oder zur Erziehung in Klöster.
Einen Aufschwung nimmt die archäologische Verwandtschaftsforschung seit Kurzem durch das vermehrte Aufkommen von DNA-Analysen. Diese können aber nur biologische Verwandtschaft nachweisen, keine soziale Verwandtschaft. Viele rechtliche Fragen, wie Besitz und Erbe, hängen davon ab, wie in einer Gesellschaft Verwandtschaft definiert wird, und hierbei spielt nicht nur die biologische Seite eine Rolle. Jana Fries verwies deshalb darauf, selbstkritisch mit den eigenen Denkmustern über Familie und Verwandtschaft bei der Interpretation von archäologischen Funden und Befunden zu sein.
Janine Fries-Knoblach stellte im Themenblock zur aktuellen Forschung in der Geschlechterarchäologie in ihrem Vortrag „Brauerin, Wirtin, Opfernde und Trunkene – die lange Geschichte von Frauen und Alkohol“ den Beitrag von Frauen bei der Alkoholzubereitung wie beim Alkoholkonsum von der Antike bis zum Anfang der Neuzeit vor, als ihnen der Umgang mit Alkohol zunehmend verwehrt wurde. Im alten Ägypten ist das Bierbrauen seit dem 4. Jt. v. Chr. bezeugt, Wein ab dem 3. Jt. Bier galt für alle als Alltagsgetränk, Trunkenheit wurde als glückseliger Zustand angesehen. Im alten Orient ist Bierbrauen seit dem 10./9. Jt. v. Chr. belegt. Im Codex Hammurabi sind nur Wirtinnen überliefert. Aus dem 1. Jt. ist die bildliche Darstellung liegender Männer und sitzender Frauen beim Gelage bekannt, wie sie als Vorbild für Griechenland übernommen worden ist. In Griechenland, aus dem Wein seit 4500 v. Chr. bekannt ist, stammten Wirtinnen aus der Unterschicht, ehrbare Frauen nahmen nicht an Gelagen teil. In Rom dagegen nahmen Frauen wie Männer daran teil, Wirtinnen und Bedienung kamen aus der Unterschicht und Weinhändlerinnen sind bekannt.
Bei den Kelten stammen Weingefäße auch aus Gräbern von Frauen, bei den Germanen wurde süßes Bier (Met) getrunken, der Braukessel dafür wurde in der weiblichen Linie vererbt. Es ist der Brauch überliefert, das gemeinsames Alkoholtrinken zu einer fiktiven Familie führen konnte.
Ab dem christlichen Frühmittelalter gehört Wein zum Abendmahl, aus Frauenklöstern ist die Bier- und Weinherstellung bekannt. Allgemein kann gesagt werden, dass Frauen beim Bierbrauen präsenter waren als bei der Weinproduktion, es gibt auch mehr weibliche Gottheiten für Bier.
Daniela Nordholz untersuchte in ihrem Vortrag „Neue Überlegungen zu älteren Forschungsergebnissen der LBK hinsichtlich Verwandtschaft und (Familien-)Netzwerken“ Ergebnisse von 2013 (sogenanntes Liveway-Project), die auf der Strontium-Isotopen-Analyse beruhen und eher patrilokale Siedlungsmuster für Mitteleuropa während der Linienbandkeramik herausgefunden haben wollen, wie dies auch schon Ursula Eisenhauer durch Keramikanalysen postuliert hatte. Die Untersuchungen von 2013 zeigen Cluster und Ausreißer. Wenn nur die Cluster in Betracht gezogen werden, scheint es ein patrilokales Residenzmuster zu geben, wenn dagegen auch die Ausreißer mit in die Interpretation aufgenommen werden, sind auch ambi‑, bi- und neolokale Residenzmuster denkbar.
Anhand von Aplasie, also des Fehlens von Zähnen aufgrund einer Mutation, kann die Referentin am Beispiel des Gräberfeldes von Sondershausen in Thüringen zeigen, dass die Verwandtschaft von Individuen, die durch die Aplasie wahrscheinlich gemacht werden kann, ebenfalls wie die Strontium-Isotopen-Analyse auf ambi‑, bi- und neolokale Residenzmuster hinweist.
Als Fazit zieht Daniela Nordholz daraus den Schluss, dass bei zu enger Deutung der Fakten eine einseitige Interpretation erfolgen kann, d.h., wenn ein schon vorhandenes Ergebnis überprüft werden soll, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass genau dieses Ergebnis auch bestätigt wird.
Mária Lepiš Valigová stellte in ihrem Vortrag ihr Dissertationsvorhaben unter dem Titel „Visualising Belonging: Female Identity and Material Culture in the Eastern Hallstatt Culture“ vor. Darin untersucht sie die visuelle Identität von Frauen, wie sie sich aus hallstattzeitlichen Gräbern des 8. bis 5. Jh.s v. Chr. in Slowakien interpretieren lassen. Sie unterscheidet Objekte, die Identität auf personaler, familiärer und regionaler Ebene kennzeichnen. Als Beispiel führte sie Tonstempel und zylindrische Behälter aus Geweih oder Knochen an, in denen diese Stempel teilweise zusammen mit Pigmenten deponiert waren. Die genaue Funktion der Stempel ist unklar, vielleicht dienten sie der Körperdekoration. In zwei unterschiedlichen Kulturen war die Deponierung unterschiedlich: einmal einzeln und einmal paarig. Daraus schloss die Referentin auf regionale Regeln.
Im Vortrag „Happy Dead Family. Familienbilder in der stadtrömischen Katakombenmalerei“ analysierte Lara Mührenberg frühchristliche Malereien des 3. bis 4. Jh.s, die Verstorbene in Personengruppen zeigen, die als familiär angesehen werden können. In der antiken Sepulkralkunst werden Verstorbene für Eigenschaften gelobt, die als typisch für das jeweilige Geschlecht gelten. Das Darstellungsspektrum von Frauen ist dabei größer als bei Männern. Frauen konnten auch durch männliche Motive charakterisiert werden, was mit dem antiken Konzept von Geschlecht nach der Theorie der Körpersäfte zusammenhängt, nach dem Frauen als unvollständige Männer galten. Familienbilder definierte die Referentin als Malereien mit der Darstellung von mindestens zwei Generationen. So gibt es das Bild eines verstorbenen Mädchens mit seinen trauernden Eltern, eine Mutter mit Kindern, wodurch Frauen für ihre Mutterschaft gelobt werden, und eine Verstorbene mit Kind, die an Mariendarstellungen mit dem Jesuskind erinnern, was symbolisch zu verstehen ist. Eine Darstellung, die über die biologische Verwandtschaft hinausgeht, ist die einer Frau und ihrer Sklavin, die die enge Verbundenheit zwischen ihnen zeigt.
Die Darstellungen sind immer idealisiert, sie sollten die Verstorbenen für ihre Verdienste loben, weshalb es eher schwierig ist, aus dieser Art von Malerei auf tatsächliche Familienverhältnisse zu schließen.
Im letzten Vortrag „Das Kind als Feind. Überlegungen zum Familienbegriff in autobiographischen Zeugnissen von Überlebenden des Polpotismus in Kambodscha“ der Germanistin Anne D. Peiter, die online dazugeschaltet war, ging es um Zerstörung von Familie. Anhand des Beispiels der Roten Khmer, die Kambodscha von 1975 bis 1979 ihrer Terrorherrschaft unterwarfen, legte die Referentin dar, wie – neben anderen Maßnahmen – durch die Instrumentalisierung von Kindern die Ideologie der Roten Khmer eines „neuen Volkes“ durchgesetzt werden sollte. Alte Strukturen, zu denen auch die Familie gehörte, sollten überwunden werden. Dafür wurden Kinder von ihren Eltern und Eheleute voneinander getrennt. Da alles Private als Verrat an der Revolution galt, wurden familiäre Zusammengehörigkeitsgefühle zerstört und ein Misstrauen zwischen Familienmitgliedern geschaffen, sodass Eltern Angst hatten, von ihren eigenen Kindern denunziert zu werden.
In der abschließenden Diskussion wurde die Frage aufgeworfen, ob wir Begriffe wie Familie und Verwandtschaft in der archäologischen Forschung benutzen können oder ob es alternative Begriffe gibt. Es wurde darauf hingewiesen, dass die Ethnologie einige Familienformen kennt, die als Denkanstoß für die Interpretation von archäologischen Befunden herangezogen werden können. Auch in unserer eigenen Gesellschaft gibt es heute viele neue Familienmodelle (Patchworkfamilien, Leihmutterschaft), die uns bei der Deutung von vergangenen Kulturen helfen können. Gleichzeitig versuchen extreme Gruppen, die sich auf angeblich traditionelle Familienformen berufen, diese wieder einzuschränken.
Ein interessanter Einwurf thematisierte familiäre Substanzen: Neben Blut aus dem Titel der Sitzung und dem gemeinsamen Alkoholtrinken wie im ersten Vortrag ist Muttermilch eine solch familiäre Substanz. In vielen Gesellschaften gibt es die Kategorie der Milchgeschwister, d.h. Kinder, die von derselben Frau gestillt worden sind, ohne miteinander biologisch verwandt zu sein.
Kritisch gesehen wurden DNA-Analysen, wenn sie nicht zusammen mit sozialen Faktoren auf die Archäologie angewendet werden.
Im Ganzen gab diese Sitzung der AG Geschlechterforschung anregende Einblicke in das komplexe Gefüge von Familie und Verwandtschaft. Auch wenn einige Vorträge eher locker zu dem Thema der Sitzung passten, wurden doch viele neue Denkanstöße für die künftige Forschung gegeben.

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