Rezension: Julia K. Koch/Wiebke Kirleis (Hrsg.), Gender Transformations in Prehistoric and Archaic Societies. Scales of Transformation in Prehistoric and Archaic Societies 6 (Leiden 2019)

Autorin: Kat­ja Win­ger, Datum: 19.03.2020

Sides­tone Press, 500 S., Abb. tlw. far­big

 Erfreu­li­cher­wei­se wid­me­te sich der the­ma­tisch recht weit gefass­te Kie­ler SFB 1266 „Sca­les of Trans­for­ma­ti­on – Human-Envi­ron­men­tal Inter­ac­tion in Pre­his­to­ric and Archaic Socie­ties“ mit einer Tagung im März 2018 auch dem The­ma der Gen­der Trans­for­ma­ti­ons. Da sich zahl­rei­che Aspek­te mit die­sem Titel ver­bin­den las­sen, nah­men vie­le Kolleg*innen die Ein­la­dung nach Kiel an, um ihre aktu­el­len Pro­jek­te vor­zu­stel­len. Aus den Bei­trä­gen die­ser Ver­an­stal­tung ist nun in bemer­kens­wert kur­zer Zeit als sechs­ter Band der Rei­he des SFB ein Tagungs­band in eng­li­scher Spra­che her­vor­ge­gan­gen. Obwohl die Vor­trä­ge von Bir­te Ahrens/Christiane Fran­ken, John Robb/Oliver Har­ris, Bri­na Škvor Jer­ne­jčič, Katha­ri­na Rebay-Salis­bu­ry, Ree­na Persch­ke und Bea­ta Kacz­ma­rek kei­nen Ein­gang in die Publi­ka­ti­on fan­den, ist die Band­brei­te der The­men pas­send zum SFB enorm. Die an die Ein­lei­tung der Her­aus­ge­be­rin­nen anschlie­ßen­den 25 Bei­trä­ge wur­den von 30 Kolleg*innen aus 16 Län­dern ver­fasst, wobei sich die unter­schied­li­chen For­schungs­stän­de der Gen­der Stu­dies in den ein­zel­nen Län­dern gele­gent­lich zei­gen. Lei­der bedien­ten sich die Autor*innen auch unter­schied­li­cher Arbeits­wei­sen, sodass die natur­wis­sen­schaft­li­che Zitier­wei­se zwar vor­herrscht, jedoch eini­ge Bei­trä­ge über 80 Fuß­no­ten ent­hal­ten.

Die Bei­trä­ge des Tagungs­ban­des sind in die Kapi­tel 1 Gen­de­ring fieldwork, 2 Tra­cing gen­der trans­for­ma­ti­ons (2.1 In metho­do­lo­gy, 2.2 In buri­als, 2.3 In cul­tu­ral land­scapes, 2.4 In ritu­al and art), Gen­de­ring and sha­ping the envi­ron­mentunter­teilt, was der Ori­en­tie­rung inner­halb des Ban­des zugu­te­kommt. Das ers­te Kapi­tel umfasst vier Bei­trä­ge und reflek­tiert Geschlech­ter­rol­len wäh­rend der archäo­lo­gi­schen Feld­ar­beit. Als Fall­bei­spie­le wer­den die Gra­bun­gen auf dem Athe­ner Keramei­kos (Jut­ta Stro­szeck) sowie die por­tu­gie­si­sche Feld­ar­beit der 1960er und 70er Jah­re (Ana Cris­ti­na Mar­tins) vor­ge­stellt, bevor die Bedeu­tung von Gra­bungs­prak­ti­ka inner­halb der deut­schen BA-Stu­di­en­gän­ge kri­tisch unter­sucht wird (Doris Guts­miedl-Schüm­ann). Der anschlie­ßen­de Bei­trag von Jana Esther Fries wid­met sich der öffent­li­chen Wahr­neh­mung und geschlechts­spe­zi­fi­schen Reprä­sen­ta­ti­on von Archäolog*innen in den ver­schie­de­nen Medi­en. Das zwei­te Kapi­tel ent­hält mit Abstand die meis­ten Bei­trä­ge, wes­halb es sinn­voll in vier Unter­ka­pi­tel geteilt wur­de. Die ers­ten drei Bei­trä­ge befas­sen sich mit metho­di­schen Fra­ge­stel­lun­gen auf der Suche nach Umwand­lun­gen von Geschlech­ter­be­zie­hun­gen (Gen­der Trans­for­ma­ti­ons). Als Ers­tes macht Marie Loui­se Stig Søren­sen anhand von Bei­spie­len aus der Bron­ze­zeit deut­lich, wie sich Trans­for­ma­tio­nen aus archäo­lo­gi­scher Sicht dar­stel­len. Johan­na Kranz­büh­ler dis­ku­tiert die Gren­zen der Bestim­mung von sex und gen­der durch Anthro­po­lo­gie und Archäo­lo­gie. Dar­auf folgt der Bei­trag von Nils Mül­ler-Schee­ßel, wel­cher sich auf­grund feh­len­der Daten zu den bei der Tagung vor­ge­stell­ten Befun­den aus Vrá­b­le inhalt­lich vom Tagungs­vor­trag unter­schei­det und sich auf einer über­ge­ord­ne­ten Ebe­ne den Geschlech­ter­rol­len der Lini­en­band­ke­ra­mik wid­met. Die sie­ben unter Kapi­tel 2.2 zusam­men­ge­fass­ten Bei­trä­ge suchen nach Gen­der Trans­for­ma­ti­ons in Grä­bern. Hier­bei han­delt es sich wenig über­ra­schend um das Kapi­tel mit den meis­ten Bei­trä­gen, da die Grä­ber­ar­chäo­lo­gie mit der Suche nach hori­zon­ta­len Sozi­al­struk­tu­ren nach wie vor einen wich­ti­gen Teil der gen­der stu­dies bil­det. Bedau­er­li­cher­wei­se fällt gera­de in die­sem Kapi­tel auf, dass die archäo­lo­gi­schen Fun­de und Befun­de unter­schied­lich kri­tisch als Abbild der Lebens­wirk­lich­keit gese­hen wer­den. Die behan­del­ten Bei­spie­le rei­chen vom euro­päi­schen Meso­li­thi­kum bis Mit­tel­neo­li­thi­kum (Danie­la Nord­holz), über das Mit­tel- und Spät­neo­li­thi­kum in Ungarn (Alex­an­dra Anders/Emese Gyön­gy­vér Nagy), das Äneo­li­thi­kum Zen­tral­eu­ro­pas und Mit­tel­asi­ens (Jan Turek), die Bron­ze­zeit Kasach­stans (Emma R. Usmanova/Mariana K. Lach­ko­va) und des Urals (Nata­lia Ber­sen­eva), die mit­tel­eu­ro­päi­sche Spät­bron­ze- und Früh­ei­sen­zeit (Caro­li­ne Tré­meaud) bis zu den Sky­then und Kal­mü­cken (Maria Ochir-Gory­ae­va). Die unter­schied­li­chen metho­di­schen und theo­re­ti­schen Hin­ter­grün­de der ein­zel­nen Autor*innen sor­gen für ein sehr hete­ro­ge­nes Gesamt­bild die­ses Unter­ka­pi­tels. Anders als zu erwar­ten schließt sich kein Kapi­tel zu „Gen­der Trans­for­ma­ti­ons in sett­le­ments“ an. Die­ses Man­ko lässt sich auf die Vor­trags­an­mel­dun­gen und Publi­ka­ti­ons­be­reit­schaft zurück­füh­ren und wird hof­fent­lich zukünf­tig besei­tigt wer­den – wenn­gleich es abseh­bar auch kei­nen Tagungs­band der Ses­si­on „Raum und Geschlecht“ der AG Geschlech­ter­for­schung (Würz­burg 2019) geben wird. Das sich anschlie­ßen­de Unter­ka­pi­tel 2.3 beschäf­tigt sich mit Gen­der Trans­for­ma­ti­ons in Kul­tur­land­schaf­ten, wobei die bei­den Fall­bei­spie­le (Ilo­na Ven­der­bos und Chris­ti­an Heitz) aus der frü­hen Eisen­zeit Ita­li­ens stam­men und somit chro­no­lo­gisch und topo­gra­fisch rela­tiv nah bei­ein­an­der­lie­gen. Das Kapi­tel 2.4 wid­met sich schließ­lich den Umwand­lun­gen von Geschlech­ter­rol­len in Ritu­al und Kunst, wobei die ers­ten Bei­trä­ge (Nata­lia Mykhai­l­o­va und Andy Rey­mann) sich auf unter­schied­li­che Wei­se dem Phä­no­men der „Scha­ma­nen­grä­ber“ nähern. Aysel Ars­lan dis­ku­tiert am Bei­spiel ana­to­li­scher Figu­ri­nen die Funk­ti­on von Geschlechts­zu­schrei­bun­gen durch moder­ne Betrach­ter. Der letz­te Bei­trag die­ses Kapi­tels (Vir­gi­nie Def­en­te) stellt die Bedeu­tung email­lier­ter Objek­te für die Bestat­tungs­ge­mein­schaft des früh­latène­zeit­li­chen Grä­ber­felds Gäu­fel­den-Nebrin­gen dar, indem die Ergeb­nis­se der archäo­lo­gi­schen Unter­su­chun­gen mit anthro­po­lo­gi­schen Daten und DNA-Unter­su­chun­gen kon­tex­tua­li­siert wer­den. Das drit­te Kapi­tel umfasst fünf Bei­trä­ge und beginnt mit einer kur­zen Ein­lei­tung zu Geschlecht und Umwelt (Julia Katha­ri­na Koch/Oliver Nako­inz), wel­che aus der Kick-Off-Dis­kus­si­on wäh­rend der Tagung her­vor­ge­gan­gen ist. Danach dis­ku­tie­ren drei ira­ni­sche Kolleg*innen (Rou­hol­lah You­se­fi Zoshk/Saeed Baghizadeh/Donya Ete­ma­di­far) geschlechts­be­zo­ge­ne Arbeits­tei­lung anhand pro­to-ela­mi­ti­scher Tex­te, bevor Anne Augereau sich eben­falls mit gen­der und Arbeits­tei­lung – aller­dings für das Früh- und Mit­tel­neo­li­thi­kum des Pari­ser Beckens – aus­ein­an­der­setzt. Im nächs­ten Bei­trag beleuch­tet Wieb­ke Kir­leis mit archäo­bo­ta­ni­schen, archäo­lo­gi­schen und eth­no­gra­fi­schen Metho­den den schein­ba­ren Gegen­satz von Hor­ti- und Agri­kul­tur im Neo­li­thi­kum. Der Band schließt mit der Vor­stel­lung räum­li­cher Kon­zep­te und ihrer Bedeu­tung für die Geschlech­ter am Bei­spiel chal­ko­li­ti­scher Archi­tek­tur der Ibe­ri­schen Halb­in­sel (Ana Mar­ga­ri­da Vale) und dem Ver­zeich­nis der Autoren. Auf­grund der nicht vor­han­de­nen Syn­the­se emp­fiehlt es sich, am Ende noch ein­mal die Ein­lei­tung der bei­den Her­aus­ge­be­rin­nen zur Hand zu neh­men, um den Wert die­ses Ban­des voll zu erfas­sen.Zusam­men­fas­send han­delt es sich beim vor­ge­stell­ten Tagungs­band um eine in chro­no­lo­gi­scher, topo­gra­fi­scher aber auch metho­di­scher Hin­sicht sehr abwechs­lungs­rei­che Zusam­men­schau aktu­el­ler Pro­jek­te sowohl jun­ger als auch lan­ge eta­blier­ter Kolleg*innen. Die­se wird hof­fent­lich nicht nur der Sicht­bar­ma­chung neu­es­ter For­schun­gen zu geschlech­ter­be­zo­ge­nen The­men der Archäo­lo­gie die­nen, son­dern bie­tet auch zahl­rei­che Ansät­ze für zukünf­ti­ge For­schun­gen. Die Abfas­sung des kom­plet­ten Ban­des in eng­li­scher Spra­che wird sicher­lich nicht nur zu einer gro­ßen Reich­wei­te der Publi­ka­ti­on bei­tra­gen, son­dern auch hel­fen, den im Band immer wie­der bemerk­ba­ren unter­schied­li­chen For­schungs­stand – ins­be­son­de­re zu theo­re­ti­schen Fra­gen – in den nächs­ten Jah­ren zu nivel­lie­ren.

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