Rezension zu Tine Steen: Die kochenden Affen, avant-verlag, 2025

Rezension zu Tine Steen: Die kochenden Affen, avant-verlag, 2025

Coverbild "Die kochenden Affen" von Tine Steen

Rezension zu Tine Steen: Die kochenden Affen, avant-verlag, 2025

Rezen­si­on von Frau­ke Wie­se, 26.2.2026

Tine Steen, Jahr­gang 1965, Künst­le­rin (Male­rei und Bild­haue­rei), lässt in ihrem Sach-Comic “Die kochen­den Affen” (1) eine moder­ne jun­ge Frau, bepackt mit Ein­käu­fen aus dem Bio­la­den, in einen Bus ein­stei­gen und ihr Buch lesen.
Damit beginnt die wun­der­ba­re Rei­se zu unse­ren frü­hes­ten Vor­fah­ren und der Fra­ge, wel­chen Ein­fluss das Kochen auf die Ent­wick­lung der Mensch­heit bis heu­te hat.
Das Buch ist eine Mischung aus Koch- und Sach­buch, das sich zudem mit Fra­gen zur mensch­li­chen Evo­lu­ti­on, Ent­wick­lung der sozia­len Hier­ar­chien und zur Geschlech­ter­ge­rech­tig­keit aus­ein­an­der­setzt. Alle Inhal­te und wis­sen­schaft­li­chen Theo­rien wer­den anschau­lich und mit einer Pri­se Humor erläu­tert. Des­halb ist das Sach-Comic her­vor­ra­gend auch für Lai*innen geeig­net.
Im Anhang fin­det man detail­lier­te und umfang­rei­che Lite­ra­tur­an­ga­ben, die zu den ein­zel­nen Kapi­teln ange­ge­ben wer­den. Einen Ein­blick in ihre Arbeits­wei­se gibt Tine Steen in einem Inter­view auf den Sei­ten des Ver­la­ges (2).
Dass Kochen nicht nur mit der Beschaf­fung von Nah­rung und ihrer Auf- und Zube­rei­tung zu tun hat, ver­mit­telt die Autorin anschau­lich und infor­ma­tiv, indem sie die Leser*innen durch unter­schied­li­che Epo­chen, Kul­tur- und Kli­ma­krei­se führt, und dabei deren gro­ßen Ein­fluss auf die Sozi­al­struk­tu­ren sicht­bar wer­den lässt. Begin­nend bei unse­ren nahen Ver­wand­ten, den Affen, bis zu unse­ren Vor­fah­ren, den Aus­tra­lo­pi­the­ci­nen, über den Homo erec­tus bis hin zum Homo sapi­ens heu­te.
Wäh­rend Bono­bo­weib­chen nahe­zu in unver­än­der­ten Ver­hält­nis­sen der Bio­to­pe, in denen sie leb(t)en, durch Tei­len der Nah­rung ihr Bünd­nis unter­ein­an­der stär­ken, waren unse­re Vor­fah­ren gezwun­gen, sich an wech­seln­de Umwelt­be­din­gun­gen anzu­pas­sen (Step­pe, Eis, ari­de Gebie­te, Tro­pen). Die Erfor­der­nis, Nah­rung bekömm­lich zu machen, brach­te ganz unter­schied­li­che Stra­te­gien zur Nah­rungs­ge­win­nung her­vor. Tine Steen ver­an­schau­licht dies anhand von Bei­spie­len und nimmt die Leser*innen u.a. mit zu Mas­sen­ern­ten von Insek­ten bei den Abori­gi­nes in Aus­tra­li­en, zur Zube­rei­tung von Mur­mel­tie­ren in der Mon­go­lei, nach Euro­pa zu Muschel­hau­fen oder nach Afri­ka zu den San mit (Gras­hüp­fer).
Durch das Buch hin­durch zieht sich der kri­ti­sche Blick auf die Arbeits­tei­lung (von der Beschaf­fung zur Zube­rei­tung der Nah­rung) zwi­schen den Geschlech­tern und dem sich anschlie­ßen­den ‘Lohn’, dem Erhalt der Nah­rung (z.B. bei den Had­za in Afri­ka).
Dabei wird immer wie­der der Bogen zu heu­te, zu einer moder­nen Mit­tel­eu­ro­päe­rin mit drei Kin­dern (sie selbst), ihrem Mann und ihrem All­tag geschla­gen. Eines wird beson­ders deut­lich: Der Wert der Nah­rung hat sich im Lau­fe der Jahr­mil­lio­nen ver­än­dert. Wäh­rend heu­te Fisch­stäb­chen und Ket­chup als gän­gi­ge und schnell zu beschaf­fen­de Nah­rung aus dem Super­markt akzep­tiert wer­den, muss­ten unse­re Vor­fah­ren weit­aus krea­ti­ver bei ihrer Nah­rungs­be­schaf­fung sein. Aber wel­che Aus­wir­kun­gen hat dies auf die Geschlech­ter­ge­rech­tig­keit heu­te?
Tine Steen gelingt es, nicht nur bei die­ser Fra­ge das enor­me und wis­sen­schaft­lich fun­dier­te Wis­sen, das in die­sem Sach-Comic steckt, leicht, infor­ma­tiv und mit einer gelun­ge­nen Por­ti­on Humor zu ver­bin­den. Unter­stri­chen wird dies durch die Art ihrer Illus­trie­rung. Dadurch wird man von der ers­ten Sei­te an in den Bann der Geschich­te gezo­gen und mag das Buch gar nicht mehr aus den Hän­den legen.
Beson­ders gefal­len mir die außer­ge­wöhn­li­chen Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen, wie zum Bei­spiel das Kapi­tel „Insek­ten-Spe­zi­al. Wür­mer, Lar­ven, Mücken.“ Was für vie­le Mitteleuropäer*innen als Nah­rung heu­te unvor­stell­bar ist, mach­te zu frü­he­ren Zei­ten in gro­ßen Tei­len der Welt einen nicht unbe­acht­li­chen Bestand­teil der Nah­rung aus. Auch wenn mich dabei nicht alle Rezep­te zum Nach­ko­chen ein­la­den (z.B. Bogong-Mot­ten-Kuchen), liest man sie ger­ne und freut sich anschlie­ßend über die heu­ti­ge uns zur Ver­fü­gung ste­hen­de Aus­wahl an Nah­rungs­mit­teln.
Von der ers­ten bis zur letz­ten Zei­le ein Lese­ge­nuss.

(1) Tine Steen, 2025: Die kochen­den Affen, avant-ver­lag, Hrsg. Johann Ulrich.
Sach-Comic, 296 Sei­ten, 29,00 Euro

(2) Inter­view mit Tine Steen: https://www.avant-verlag.de/2025/11/17/die-kochenden-affen-interview-mit-tine-steen/  (letz­ter Zugriff 26.02.2026) 

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Rezension zu Marta Yustos, Diego Rodriguez Robredo: Femina sapiens – Die Entwicklung der Menschheit aus der Perspektive der Frau

Rezension zu Marta Yustos, Diego Rodriguez Robredo: Femina sapiens – Die Entwicklung der Menschheit aus der Perspektive der Frau

Titel des Buches Femina Sapiens

Rezension zu Marta Yustos, Diego Rodriguez Robredo: Femina sapiens – Die Entwicklung der Menschheit aus der Perspektive der Frau

 Rezen­si­on von Gise­la Schul­te-Dorn­berg

Das Buch Femi­na Sapi­ens rich­tet sich an Kin­der und will ihnen die Evo­lu­ti­on des Homo sapi­ens aus der Per­spek­ti­ve von Frau­en ver­mit­teln. Es han­delt sich um ein Sach­buch für Kin­der ab etwa 10 Jah­ren.
Zahl­rei­che Bil­der illus­trie­ren, manch­mal an Wim­mel­bü­cher anmu­tend, kur­ze Text“schnipsel“. Es gibt viel zu gucken und vie­les wird erklärt. Einen durch­ge­hen­den Text über die Schnip­sel hin­aus gibt es nicht. In ver­schie­de­nen Kapi­teln wird jeweils ein abge­schlos­se­nes The­ma behan­delt, das in einem ein­lei­ten­den klei­nen Absatz beschrie­ben wird. Pas­send zum The­ma folgt auf jeder Dop­pel­sei­te eine grö­ße­re Dar­stel­lung zur Illus­tra­ti­on. Auf jeder Sei­te fin­det man Detail­bil­der , die im ein­zel­nen benannt und erläu­tert wer­den.

Die behan­del­ten The­men schla­gen einen wei­ten Bogen. Das Spek­trum reicht vom Stamm­baum der Evo­lu­ti­on über einen Ver­gleich der Ana­to­mie von Mensch und Schim­pan­se und führt zu Ver­än­de­run­gen der Umwelt und dadurch not­wen­di­gen Anpas­sun­gen bis hin zur Aus­brei­tung der Homi­ni­ni über die Welt. Nean­der­ta­ler fin­den eben­so ihren Platz im Buch wie die Men­schen von Den­is­o­va in Sibi­ri­en und der Insel Flo­res im Indi­schen Oze­an. Die zu den The­men gehö­ren­den Bil­der zei­gen ver­schie­de­ne Lebens­räu­me und ihre Bewohner*innen. Vor die­sem Hin­ter­grund spielt sich das Leben ver­schie­de­ner Men­schen­grup­pen ab, mit ihren ganz unter­schied­li­chen Werk­zeu­gen, Behau­sun­gen und Tätig­kei­ten.

Bei der Dar­stel­lung der Men­schen domi­nie­ren Frau­en in aller Viel­fäl­tig­keit: klei­ne und gro­ße Frau­en, jun­ge und alte, Schwan­ge­re und Nicht-Schwan­ge­re, in allen Haut­far­ben. Sie üben alle denk­ba­ren Tätig­kei­ten aus, Jagd und Fisch­fang, Höh­len­ma­le­rei, Essens­zu­be­rei­tung und mehr. Spie­len­de Kin­der bevöl­kern das Bild. Auch Män­ner in allen Lebens­pha­sen wer­den gezeigt, nicht nur bei der Jagd, son­dern häu­fig bei Tätig­kei­ten, die nach her­kömm­li­chen Rol­len­bil­dern Frau­en zuge­schrie­ben wer­den, wie beim Tra­gen eines Babys, beim Scha­ben von Fel­len, beim Weben usw.

Die Krea­ti­vi­tät der Men­schen, die über die rei­ne Sub­sis­tenz hin­aus­geht, wird eben­falls als The­ma auf­ge­grif­fen, bei Nean­der­ta­lern und bei moder­nen Men­schen. Kör­per­schmuck, Frau­en­sta­tu­et­ten (im Buch noch als „Venus“ bezeich­net) und Höh­len­kunst wer­den illus­triert. Die Fra­ge, wer die Urheber*innen der Kunst waren, wird nicht aus­ge­spart.

Dass die Vor­stel­lun­gen der Men­schen „über das Leben hin­aus“ hin­aus gin­gen, zeigt die beson­de­re Behand­lung ihrer Toten. Auch das wird in einem eige­nen Kapi­tel behan­delt. Hier wird kri­tisch betrach­tet, ob Grab­bei­gra­ben tat­säch­lich regel­mä­ßig auf das Geschlecht der bestat­te­ten Per­son hin­wei­sen.

Im letz­ten Kapi­tel zur Archäo­lo­gie geht es um das Auf­kom­men der Sess­haf­tig­keit der ehe­ma­lig noma­disch leben­den Men­schen nach dem Ende der letz­ten Eis­zeit. In der „Über­nah­me unter­schied­li­cher, aber glei­cher­ma­ßen wich­ti­ger Auf­ga­ben durch Män­ner und Frau­en“ wird der Ursprung für die Tren­nung der Geschlech­ter ver­or­tet.

Das letz­te Kapi­tel behan­delt „Frau­en, die begeis­tern“ und ist eine Hom­mage an die Pio­nie­rin­nen in betei­lig­ten Fächern, die jeweils ganz kurz in Text und Bild vor­ge­stellt wer­den. Dazu gehö­ren Pri­ma­ten­for­sche­rin­nen wie Jane Godall und Dia­ne Fos­sey, Archäo­lo­gin­nen wie Mary Lea­k­ey, Encar­na­ción Cabré, Mary King­s­ley und Mari­ja Gim­bu­tas, Eth­no­lo­gin­nen wie Mary King­s­ley und wei­te­re mehr.

Die letz­te Dop­pel­sei­te zeigt noch­mal das „Fami­li­en­al­bum“ des mensch­li­chen Stamm­baums in der Über­sicht und zum Nach­schla­gen von Begrif­fen. Dazu gehört auch ein Zeit­strahl der gesam­ten Erd­ge­schich­te mit dem klei­nen Zeit­ab­schnitt, den die heu­ti­gen Men­schen und ihre Vor­fah­ren dar­in bevöl­kern.

Die Absicht, die mit die­sem Buch ver­folgt wird, wird auf der Rück­sei­te des Ein­ban­des klar benannt: „War­um spre­chen wir bei der Rekon­struk­ti­on der Vor­ge­schich­te nur von Män­nern? War­um kon­zen­triert sich die For­schung nicht auch auf die Über­res­te von Frau­en, die in gro­ßer Zahl gefun­den wur­den?“.
Die Fra­ge nach dem „War­um“ beant­wor­tet das Buch eher nicht, aber es dreht defi­ni­tiv die Per­spek­ti­ve um. Das geschieht in einer bun­ten und erfri­schen­den Art und Wei­se. Jedes der Kapi­tel kann man für sich betrach­ten und fin­det immer wie­der neu­es dar­in. Genau­so gut kann man den roten Faden von Anfang bis Ende ver­fol­gen. Die abge­bil­de­ten Men­schen aller Art wer­den nicht als fins­te­re Gestal­ten gezeigt, son­dern leb­haft, mit zumeist freund­li­chen Gesich­tern. Man­che win­ken sogar ins Publi­kum. Das lädt zum wie­der­hol­ten Stö­bern ein.

Die Autorin Mar­ta Yus­tos ist Anthro­po­lo­gin. Seit vie­len Jah­ren arbei­tet sie im Muse­um der mensch­li­chen Evo­lu­ti­on (MEH) in Bur­gos als Wis­sen­schafts­päd­ago­gin und ‑kom­mu­ni­ka­to­rin.

Die­go Rodrí­guez Rob­re­do hat sowohl Archäo­lo­gie als auch wis­sen­schaft­li­che Illus­tra­ti­on stu­diert. Bei­des ver­bin­det er in die­sem Buch zur sach­ge­rech­ten und leben­di­gen Illus­tra­ti­on der Erkennt­nis­se zur Vor­ge­schich­te.

48 Sei­ten, Hard­co­ver, Euro (D) 20 | Euro (A) 20.7 | CHF 28
ISBN 978–3‑03876–283‑6 (Midas Kin­der­buch)

 

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2025: Rezension Ulli Lust: Die Frau als Mensch – Am Anfang der Geschichte

2025: Rezension Ulli Lust: Die Frau als Mensch – Am Anfang der Geschichte

Rezension Ulli Lust: Die Frau als Mensch. Am Anfang der Geschichte. Reprodukt Verlag 2025

Rezen­si­on von Michae­la Helm­brecht, im Juni 2025

Ulli Lust: Die Frau als Mensch. Am Anfang der Geschich­te. Repro­dukt Ver­lag 2025

DiE­in archäo­lo­gisch-femi­nis­ti­scher Sach-Comic! Als Gra­phic-Novel-Fan bin ich neu­gie­rig. Wor­um geht es? Unter ande­rem um die Fra­ge, war­um die meis­ten figür­li­chen Kunst­wer­ke, die aus der älte­ren Stein­zeit erhal­ten geblie­ben sind, Frau­en zei­gen, und den Frust dar­über, dass wir heu­te in vie­len Büchern den­noch immer wie­der haupt­säch­lich Män­ner beim Jagen, Werk­zeug­ma­chen oder sons­ti­gen über­le­bens­not­wen­di­gen Tätig­kei­ten prä­sen­tiert bekom­men. Die Frau­en küm­mern sich um die Babys und ver­las­sen die Höh­le höchs­tens, um ein paar Bee­ren und Pflan­zen zu sam­meln.
Die­ser offen­sicht­lich ver­zerr­ten Wahr­neh­mung geht die öster­rei­chi­sche Comic­zeich­ne­rin Ulli Lust in ihrem groß ange­leg­ten Sach­co­mic auf den Grund. Klei­ne Trig­ger­war­nung vor­weg: Gra­phic (im eng­li­schen Wort­sin­ne, das auch „expli­zit“ und „dras­tisch“ bedeu­ten kann) ist das Buch durch­aus. Wer kei­ne weib­li­chen Geschlechts­tei­le anschau­en will, soll­te sich das Buch viel­leicht nicht zule­gen. Denn dar­um geht es. Aber nicht nur.
Das Buch beginnt mit einer Erkun­dung von Ulli Lusts eige­ner Bio­gra­phie und wie sie selbst zum The­ma kam. Auf­ge­wach­sen im prü­den, länd­li­chen Öster­reich mit star­ren Rol­len­bil­dern von Män­nern und Frau­en, erkun­det sie das The­ma Scham und Nackt­heit, und schon sind wir mit­ten­drin im The­ma, denn die meis­ten Frau­en­fi­gu­ren aus der Eis­zeit sind eben – nackt, und ihre Geschlechts­merk­ma­le sind sehr betont dar­ge­stellt. Aus­la­den­de Brüs­te und Hin­ter­tei­le, über­gro­ße Vul­ven – scham­los! pri­mi­tiv! fan­den die Archäo­lo­gen (das gene­ri­sche Mas­ku­li­num ist Absicht) des 19. und frü­hen 20. Jahr­hun­derts. Die­se mora­li­sche (Ab-)Wertung ist heu­te immer­hin nicht mehr so oft zu lesen, aber sie hat in unser aller Köp­fen deut­li­che Spu­ren hin­ter­las­sen.
Ulli Lust geht nicht chro­no­lo­gisch vor, son­dern erkun­det ver­schie­de­ne The­men­be­rei­che in ein­zel­nen Kapi­teln – sub­jek­tiv und fan­ta­sie­voll, aber stets aus­ge­hend von und unter­füt­tert mit wis­sen­schaft­li­chen Erkennt­nis­sen. Am Ende des Buchs sind Anmer­kun­gen und Lite­ra­tur­an­ga­ben zu fin­den. Die Zeich­nun­gen durch­zieht ein sub­ti­ler Humor, der die Sach­in­for­ma­tio­nen der Tex­te wun­der­bar ergänzt und auf­lo­ckert. So ent­fal­tet sich ein Pan­op­ti­kum des Lebens in der Alt­stein­zeit: Wel­che Rol­le hat die kal­te, unwirt­li­che Umwelt gespielt? Wel­che Tie­re gab es, wie über­leb­ten die Men­schen? Wel­che reli­giö­sen oder spi­ri­tu­el­len Vor­stel­lun­gen könn­ten den Hin­ter­grund für die auf­wen­di­gen Begräb­nis­se gebil­det haben? Immer kommt die Autorin zu dem Schluss: Ohne enge Zusam­men­ar­beit und Wert­schät­zung ging es nicht. Die Men­schen der Eis­zeit kön­nen kei­ne Indi­vi­dua­lis­ten mit mate­ria­lis­ti­schem, män­ner­zen­trier­tem Welt­bild gewe­sen sein. Ihr Über­le­ben hing davon ab, dass alle mit­ein­an­der koope­rier­ten und sich gegen­sei­tig als Män­ner und Frau­en, als Älte­re und Jugend­li­che, als Gesun­de und Ver­letz­te respek­tier­ten und sich gegen­sei­tig hal­fen.
Das Buch schlägt auch den Bogen zu aktu­el­len und drän­gen­den Fra­gen der Moder­ne, etwa der Ent­frem­dung der Men­schen von der Natur, der Umwelt­zer­stö­rung, der Fra­ge, ob und wie sich indi­ge­ne Gesell­schaf­ten „moder­ni­sie­ren“. Dar­in klingt durch­aus hie und da Zivi­li­sa­ti­ons­kri­tik und, ja, auch Stein­zeit­ro­man­tik an.
Das Buch ist mit sei­nen 251 Sei­ten sehr dicht und gehalt­voll. Des­halb ist es etwas scha­de, dass es kein Inhalts­ver­zeich­nis gibt. Das aber ermun­tert dazu, das Buch immer wie­der zur Hand zu neh­men und Neu­es zu ent­de­cken. Nicht umsonst wur­de das Buch jüngst mit dem Deut­schen Sach­buch­preis aus­ge­zeich­net.

 

 

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2025: Rezension Karin Bojs: Die Mütter Europas – Die letzten 43.000 Jahre

2025: Rezension Karin Bojs: Die Mütter Europas – Die letzten 43.000 Jahre

Rezension Karin Bojs: Mütter Europas – Die letzten 43 000 Jahre

Oli­via Stüs­si, 21.02.2025

Karin Bojs: Müt­ter Euro­pas – Die letz­ten 43.000 Jah­re. C.H. Beck Ver­lag, 2024

Die schwe­di­sche Wis­sen­schafts­jour­na­lis­tin Karin Bojs war bis 2013 Lei­te­rin der Wis­sen­schafts­re­dak­ti­on der schwe­di­schen Tages­zei­tung Dagens Nyhe­ter, schreibt jedoch wei­ter Kolum­nen für die­se Zei­tung. Sie erhielt die Ehren­dok­tor­wür­de der Uni­ver­si­tät Stock­holm und wur­de für ihre Arbei­ten mehr­fach aus­ge­zeich­net. Zuvor erschien von Karin Bojs „Mei­ne Euro­päi­sche Fami­lie. Die letz­ten 54 000 Jah­re“. Dar­in begibt sie sich mit­tels DNA-For­schung auf die Suche nach der eige­nen Fami­li­en­ge­schich­te. In ihrem neu­es­ten Werk «Müt­ter Euro­pas. Die letz­ten 43 000 Jah­re» –  2024 im C.H.Beck Ver­lag auf Deutsch erschie­nen – befasst sie sich erneut inten­siv mit DNA-Ana­ly­sen und was dadurch über die Lebens­wei­se der Frau­en und die Geschlech­ter­ver­hält­nis­se all­ge­mein her­ge­lei­tet und rekon­stru­iert wer­den kann.

Der Auf­bau der Kapi­tel ist chro­no­lo­gisch geglie­dert und beginnt mit einem Kapi­tel zur soge­nann­ten „Venus von Wil­len­dorf“ (1) – also ca. 30 000 vor Chris­tus – und endet mit der Erläu­te­rung ver­schie­de­ner Publi­ka­tio­nen zur Rol­le von Frau­en in der Wikin­ger­zeit. Dabei setzt sie sich inhalt­lich nicht pri­mär mit „Müt­tern“ aus­ein­an­der, son­dern beginnt jedes Kapi­tel mit einer all­ge­mei­nen Über­sicht zu unter­schied­li­chen archäo­lo­gi­schen und wis­sen­schaft­li­chen Debat­ten über den euro­päi­schen Kon­ti­nent, wobei sie immer wie­der ver­schie­de­ne Per­spek­ti­ven ein­an­der kri­tisch gegen­über­stellt. Die geo­gra­phi­schen Aus­flü­ge nach Afri­ka, Ame­ri­ka und den Nahen Osten kom­ple­men­tie­ren und unter­stüt­zen das Gesamt­bild und ermög­li­chen es die dar­auf fol­gen­den frau­en­spe­zi­fi­schen Infor­ma­tio­nen in einen glo­ba­len his­to­ri­schen Kon­text ein­zu­bet­ten. Dabei ver­knüpft Bojs die­se Infor­ma­tio­nen gekonnt mit der The­ma­tik der Migra­ti­on. Dies macht die Lek­tü­re ange­nehm infor­ma­tiv, gut ver­ständ­lich und damit auch nie­der­schwel­lig. Es bil­det einen guten Über­blick und einen ein­fa­chen Ein­stieg in die The­ma­tik von DNA-Ana­ly­sen, Geschlech­ter­rol­len und Frau­en in archäo­lo­gi­schen Dis­kur­sen. So setzt sich Bojs mit der Debat­te über die Anwend­bar­keit des Drei­pe­ri­oden­sys­tems – der klas­si­schen Ein­tei­lung in Stein- Bron­ze- und Eisen­zeit –  kri­tisch aus­ein­an­der, por­trä­tiert ver­schie­de­ne Frauen(-Figuren), wie die „Venus von Wil­len­dorf“,  Lucy,  die rote Dame von El Mirón, das soge­nann­te Kau­gum­mi­mäd­chen oder das Tyb­rind-Vig-Mäd­chen. Dabei setzt sie die­se in den dazu­ge­hö­ri­gen geo­gra­phisch-archäo­lo­gi­schen Fund­kom­plex.

„Nach mei­ner Auf­fas­sung ist es wich­tig, von der Geschich­te zu ler­nen, alle Tech­ni­ken, die es gibt, anzu­wen­den und auf Fak­ten basie­ren­de Schluss­fol­ge­run­gen zu zie­hen. Jetzt haben wir neue Tech­nik, unter ande­rem DNA, aber auch Iso­to­pe, Son­nen­stür­me, GPS, 3D-Mikro­sko­pe und vie­les ande­re. Dank sol­cher Tech­nik und auch lin­gu­is­ti­schen oder geis­tes­wis­sen­schaft­li­cher For­schung haben die Wis­sen­schaft­ler ganz ande­re Mög­lich­kei­ten zu unter­su­chen, wie es wirk­lich war mit den Geschlech­ter­rol­len und den unter­schied­li­chen Migra­ti­ons­mus­tern von Män­nern und Frau­en.“ (Bojs 2024, S. 227)

Inter­es­sant in ihrer Aus­ein­an­der­set­zung war ihre häu­fi­ge Bezug­nah­me auf Mari­ja Gim­bu­tas’ Theo­rien, ins­be­son­de­re, weil Gim­bu­tas als Archäo­lo­gin nicht ernst genom­men wird und eine ernst­zu­neh­men­de Bezug­nah­me auf ihre Arbeit im aka­de­mi­schen Umfeld nicht als emp­feh­lens­wert gilt. Dabei wird  ihre Kur­g­an­hy­po­the­se durch neue­re DNA Ana­ly­sen nun teil­wei­se gestützt.  Sogar Colin Ren­frew  – zeit­le­bens ihr gröss­ter Kri­ti­ker – ent­schul­dig­te sich öffent­lich mit den Wor­ten bei Gim­bu­tas : „Cer­tain­ly I was wrong.“ (2)

Dabei ist es Bojs anzu­rech­nen, dass sie sich durch­aus kri­tisch mit Gim­bu­tas’ Theo­rien aus­ein­an­der­setzt. In ihrem Nach­wort schreibt sie: „Mari­ja Gim­bu­tas zog Schluss­fol­ge­run­gen, wie sich die Geschlech­ter­rol­len in ver­schie­de­nen Epo­chen ver­än­dert haben. Viel­fach lag sie rich­tig, wie neue DNA-For­schun­gen bestä­ti­gen. Jeden­falls rich­ti­ger als ihre (männ­li­chen) Arbeits­kol­le­gen und Zeit­ge­nos­sen. Aber sie irr­te sich auch. Sie wur­de von einer roman­ti­schen Auf­fas­sung getrie­ben, wonach ein­drin­gen­de Indo­eu­ro­pä­er ganz für das Böse, Krie­ge­ri­sche und Patri­ar­cha­li­sche stan­den, wäh­rend die Bau­ern­be­völ­ke­rung „Alt­eu­ro­pas“ fried­lich und mit einem eher weib­li­chen Fokus gelebt habe. So ein­fach war es nicht, nach allem, was wir heu­te wis­sen.“ ( Bojs 2024, S. 226)

Der Ver­such 42 000 Jah­re Mensch­heits­ge­schich­te über meh­re­re Kon­ti­nen­te hin­weg auf 227 Sei­ten unter­zu­brin­gen, führt jedoch auch zu sprach­li­chen und inhalt­li­chen Ver­all­ge­mei­ne­run­gen, wel­che teil­wei­se ein fal­sches Bild zeich­nen. So wird durch­wegs von den Aurigna­ci­ern, den Solut­re­ni­ern, den Schnur­ke­ra­mi­kern oder Kel­ten gespro­chen, was für alle genann­ten und gera­de für letz­te­re Grup­pe eine fal­sche und unprä­zi­se Fremd­be­zeich­nung für in Wahr­heit sehr vie­le klei­ne Volks­grup­pen ist. Auch kommt es vor, dass Daten und Ana­ly­sen sti­lis­tisch zu Wahr­hei­ten ver­all­ge­mei­nert wer­den. So bleibt es teil­wei­se nicht beim rei­nen Auf­zäh­len von Fak­ten, son­dern es wird eine pas­sen­de Inter­pre­ta­ti­on hin­zu­ge­fügt, die so eigent­lich im Kon­junk­tiv ste­hen müss­te.

So schreibt sie „ Andrew Sher­rat hat auch recht damit, dass das Pflü­gen mit Och­sen in allen bekann­ten Land­wirt­schafts­kul­tu­ren ein Job für Män­ner war. Es ist phy­sisch schwer, und die Frau­en konn­ten neben­her nicht noch auf ihre klei­nen Kin­der auf­pas­sen. Typi­sche Frau­en­be­schäf­ti­gun­gen in tra­di­tio­nel­len Land­wirt­schafts­ge­sell­schaf­ten wie Korn mah­len, Backen, die Her­stel­lung von Kera­mik und Tex­ti­li­en sowie das Bewirt­schaf­ten eines klei­nen Fel­des mit Hand­werk­zeu­gen las­sen sich bes­ser mit dem Stil­len und der Betreu­ung von Klein­kin­dern kom­bi­nie­ren. Dass das Joch, das Rad und der Pflug Män­nern mehr Macht auf Kos­ten der Frau­en gege­ben hat, ist des­halb eine logi­sche Schluss­fol­ge­rung; die Hypo­the­se mag also rich­tig sein. Aber noch gibt es kei­ne direk­ten Hin­wei­se dafür.“ (Bojs 2024, S. 140)

Es ist kei­nes­wegs eine „logi­sche Schluss­fol­ge­rung“, dass mit den von Bojs als typisch männ­li­chen beschrie­be­nen Arbei­ten Macht auf Kos­ten von Frau­en aus­ge­übt wird. Die kör­per­li­che Kraft mit Macht­aus­übung gleich­zu­set­zen, ist eine gesell­schaft­lich kon­stru­ier­te Denk­wei­se, die von unse­rem heu­ti­gen Zeit­geist, der von Kri­sen, Krie­gen und gewalt­tä­ti­gen Aus­ein­an­der­set­zun­gen geprägt ist, bestimmt wird und stark mit Macht­aus­übung über ande­re und deren Unter­drü­ckung zusam­men­hängt. So sind wir es gewohnt, kör­per­li­che Kraft mit Macht oder Stär­ke und weib­lich kon­no­tier­te Tätig­kei­ten mit Schwä­che zu asso­zi­ie­ren und damit das eine auf- bzw. das ande­re abzu­wer­ten. Doch wir kön­nen nicht wis­sen, ob dies auch in der Ver­gan­gen­heit der Fall war. Es gibt und gab unter­schied­li­che Vor­stel­lun­gen dar­über, was Macht ist und wie die­se zum Aus­druck kommt. Bei­spiels­wei­se kann auch Wis­sen oder die Mög­lich­keit Zeit mit Kin­dern und in der siche­ren Umge­bung der Dorf­ge­mein­schaft zu ver­brin­gen, Macht bedeu­ten oder auch ein Pri­vi­leg dar­stel­len. Aus­ser­dem ken­nen wir die gesell­schaft­li­che Rele­vanz und Bedeu­tung von Tex­til- oder Kera­mik­pro­duk­ti­on in prä­his­to­ri­schen Gesell­schaf­ten nicht im Detail. Das imma­te­ri­el­le Kul­tur­er­be, unter ande­rem bestehend aus Wert- und Norm­vor­stel­lun­gen über das Wesen der Welt und das gesell­schaft­li­che Zusam­men­le­ben und die Bedeu­tung von Macht in die­sem Gefü­ge, kann nur ansatz­wei­se erahnt wer­den und könn­te völ­lig anders gear­tet gewe­sen sein, als wir uns dies vor­stel­len kön­nen.

Ein offe­ner und trans­pa­ren­ter Umgang mit sub­jek­ti­ven und zeit­ge­nös­sisch gepräg­ten Inter­pre­ta­tio­nen auf einer tie­fe­ren geis­ti­gen Ebe­ne bzw. die Kenn­zeich­nung von his­to­ri­scher Ima­gi­na­ti­on (im Sin­ne Rein­hard Bern­becks, in: Mate­ri­el­le Spu­ren des natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ter­rors. Zu einer Archäo­lo­gie der Zeit­ge­schich­te. Tran­script, Bie­le­feld 2017 ), wäre ein wün­schens­wer­ter Ansatz gewe­sen,  gera­de weil Bojs auch die The­ma­tik der Migra­ti­on in den Fokus stellt und den Aspekt der zeit­ge­nös­si­schen Prä­gung selbst betont: „Ich habe in die­sem Buch wie­der­holt betont, dass Geschichts­schrei­bung immer von ihrer Zeit geprägt wird. Im Neun­zehn­ten Jahr­hun­dert, als die Archäo­lo­gie als Wis­sen­schaft neu war, spiel­ten natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Strö­mun­gen eine gros­se Rol­le. Sol­che Prin­zi­pi­en leben in erstaun­li­che hohem Grad in der heu­ti­gen Archäo­lo­gie wei­ter, unter ande­rem in der Ter­mi­no­lo­gie. Als der Nazis­mus im zwan­zigs­ten Jahr­hun­dert auf­kam, waren Miss­deu­tun­gen von Archäo­lo­gie, Lin­gu­is­tik und Volks­tums­for­schung fun­da­men­ta­le Bau­stei­ne des Ideen­ge­bäu­des. Nicht zuletzt schwärm­ten die Nazis für frü­he Indo­eu­ro­pä­er und für Wikin­ger.“ (Bojs 2024, S.226)
Die­ses Bei­spiel ver­deut­licht sehr schön, wie stark unse­re gesell­schaft­li­che Prä­gung und damit die gän­gi­gen Wert- und Norm­vor­stel­lun­gen unser Den­ken und Han­deln beein­flus­sen.
Nichts­des­to­trotz emp­fand ich die Müt­ter Euro­pas als eine sehr span­nen­de und auch berei­chern­de Lek­tü­re. Der Inhalt ist nie­der­schwel­lig, gut geschrie­ben und erleich­tert damit Eins­tig in das The­ma DNA-For­schung,  Archäo­lo­gie und Vor­stel­lun­gen über die Geschlech­ter­rol­len. Dar­um gibt es von mir eine kla­re Kauf- oder Ausleih‑, sowie Lese­emp­feh­lung!

 

Fuß­no­ten:

(1) Der Begriff der “Venus­dar­stel­lun­gen” oder “Venus-Kunst” ist ein Über­be­griff für eine Über­ka­te­go­rie, die sich auf die Dar­stel­lung von Frau­en auf Gra­vie­run­gen, Reli­efs, Male­rei­en und voll­plas­ti­schen Frau­en­sta­tu­et­ten bezieht. Die Figu­ri­nen selbst sind aus den ver­schie­dens­ten Mate­ria­li­en gefer­tigt. Geprägt wur­de der Venus-Begriff durch den fran­zö­si­schen Archäo­lo­gen Mar­quis de Vibraye, als wäh­rend des 19 Jahr­hun­derts die ers­ten Frau­en­fi­gu­ren in Frank­reich gefun­den wur­den. Sei­nen Fund von 1864 in der Höh­le Lau­ge­rie-Bas­se – ein nack­te weib­li­che Stau­tet­te – nann­te er “Vénus impu­di­que” bzw. “unzüch­ti­ge Venus”. Dies ver­mut­lich in Anleh­nung an die römi­sche Venus oder der grie­chi­schen Aphro­di­te – die bei­de für Lie­be, Schön­heit und damit für die “pure Weib­lich­keit” ste­hen. Die Nackt­heit der Figu­ri­ne wur­de aller­dings als unan­stän­dig und unge­heu­er­lich – also unzüch­tig – emp­fun­den. Der Begriff konn­te sich für ein Lai­en­pu­bli­kum wie auch für die wis­sen­schaft­li­che Fach­welt gröss­ten­teils durch­set­zen (Röder et.al 1996, 193; Wolf 2010, 43 ) Heu­te gilt der Begriff in der archäo­lo­gi­schen Fach­welt aller­dings als umstrit­ten und wird kaum mehr ver­wen­det. Den­noch hat sich der Name der „Venus von Wil­len­dorf“ als eigen­stän­di­ge Bezeich­nung gera­de aus­ser­halb die­ser durch­set­zen kön­nen und wird nach wie vor gebraucht, wenn von die­ser Figu­ri­ne die Rede ist.

(2) Lord Colin Ren­frew | Mari­ja Redi­via: DNA and Indo-Euro­pean Ori­g­ins, unter: youtube.com/watch?v=pmv3J55bdZc&t=3759s (auf­ge­ru­fen am 21.2.2025)

 

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2025: Rezension David Safier: Aufgetaut

2025: Rezension David Safier: Aufgetaut

Rezension zu David Savier, Aufgetaut

oder: Warum die Steinzeitfrau Urga feministische Archäologie braucht

Oli­via Stüs­si, 21.02.2025

Beim Stö­bern in der Bücher­ecke des loka­len Second­hand Ladens, fällt mir das Buch „Auf­ge­taut“ von David Safier in die Hän­de. Der Buch­rü­cken infor­miert: „Über drei­und­drei­ßig­tau­send Jah­re war Urga zusam­men mit einem Baby-Mam­mut in einem Eis­block ein­ge­fro­ren, doch dank der Erd­er­wär­mung tau­en sie wie­der auf. Nach einem ers­ten Blick auf die moder­ne Mensch­heit wür­de die Stein­zeit­frau am liebs­ten gleich wie­der zurück ins Eis gehen. Aber Urga ist eine Kämp­fe­rin: Bevor sie auf­gibt, will sie her­aus­fin­den, ob man in die­ser höchst selt­sa­men Welt das Glück fin­den kann. Ihre Irr­fahrt führt sie von der Ark­tis über Indi­en bis nach Ita­li­en. Wird Urga das Geheim­nis des Glücks fin­den? Für sich? Für das klei­ne Mam­mut?“ Klingt span­nend, den­ke ich mir. Außer­dem fand ich den Roman „Mie­ses Kar­ma“ des sel­ben Autoren lus­tig, kurz­wei­lig in der Lek­tü­re und ange­nehm zu lesen. Ent­spre­chend gespannt war ich auf die Lek­tü­re, gera­de weil femi­nis­ti­sche The­men in der Archäo­lo­gie zu mei­nen Haupt­in­ter­es­sen gehö­ren.

Der Roman ver­sucht nicht, prä-his­to­ri­sche Rea­li­tä­ten abzu­bil­den, son­dern fokus­siert sich humor­voll auf die lie­be­voll kon­stru­ier­ten Cha­rak­te­re und deren Suche quer durch die Welt nach dem wah­ren Glück. Ohne jedoch hier groß auf den wei­te­ren Inhalt und Ver­lauf der Geschich­te ein­zu­ge­hen, möch­te ich an die­ser Stel­le auf­zei­gen, wes­halb es die For­schungs- und Auf­klä­rungs­ar­beit von Femi­nis­ti­scher Archäolog*innen braucht und wes­halb sie so wich­tig ist.

Denn in der Dar­stel­lung der Stein­zeit­frau Urga kom­men eini­ge Rol­len­kli­schees zum Vor­schein. So ste­hen da Sät­ze wie: „Urga woll­te den kräf­tigs­ten Krie­ger zu ihrem Mann machen“ und „Urga wuss­te natür­lich, wie toll­kühn ihr Unter­fan­gen war: nor­ma­ler­wei­se nah­men sich die Män­ner die Weib­chen.“. Oder mein per­sön­li­ches High­light: „… die bes­ten Jäger [kom­men] nach dem Tod zum gro­ßen Gott Grand­ning in eine wun­der­schö­ne war­me Höh­le , in der es für sie Mam­mut­fleisch in Hül­le und Fül­le gab und ihnen die schöns­ten Frau­en wil­lig zu Diens­ten waren. Die unge­hor­sa­men Frau­en hin­ge­gen kämen nach dem Tod zur Göt­tin Brund in eine kar­ge Höh­le und müss­ten sich dort von Fuss­na­gel­brei ernäh­ren.“

Doch Urga wider­setzt sich den urzeit­li­chen patri­ar­cha­len Struk­tu­ren: sie will jagen gehen, was den Stam­mes­äl­tes­ten (logi­scher­wei­se männ­lich) ent­setzt: “Ein … ein Weib­chen … auf Jagd? Der Stam­mes­äl­tes­te griff sich an die Brust. […] Doch nie­mand moch­te ihr [Urga] wider­spre­chen. Ihr Vor­satz war unge­heu­er­lich, gera­de­zu unvor­stell­bar“. Wohl­ge­merkt will Urga pri­mär jagen gehen, um ihrem Ange­be­te­ten zu bewei­sen, dass sie des­sen Lie­be mehr als wür­dig, aber auch weil sie der Über­zeu­gung ist, dass nicht nur Män­ner die­ses Pri­vi­leg besit­zen soll­ten. Wobei dies gewis­ser­mas­sen auch als femi­nis­tisch ange­se­hen wer­den kann. Doch pri­mär geht es für sie auch noch als in der Neu­zeit Auf­ge­tau­te um die Suche nach dem Glück, was in Form von Lie­be zu einem Mann dar­ge­stellt wird.

Das Erschre­cken­de war für mich gewis­ser­mas­sen die Erkennt­nis, dass sich die­se Stein­zeit-Rol­len­kli­schees von jagen­den Män­nern und Frau­en in der Höh­le (hier syn­onym für Heim und Herd) und auf der Suche nach Lie­be noch immer so hart­nä­ckig hal­ten. Sie fin­den in zeit­ge­nös­sisch-humo­ris­ti­schen Roma­nen völ­lig unhin­ter­fragt Ein­gang und wer­den dadurch immer wei­ter repro­du­ziert. Und dies, obwohl wir es doch inzwi­schen bes­ser wis­sen. Es gibt genü­gend For­schungs­ar­bei­ten – nicht nur von Mit­frau­en von Fem­Arc, son­dern von vie­len ande­ren auf der gan­zen Welt, wel­che auf­zei­gen, dass unse­re Vor­stel­lun­gen von Rol­len und Gen­der sozi­al kon­stru­iert sind. Dass das kon­ser­va­ti­ve im 18. Jahr­hun­dert gepräg­te Bild der Stein­zeit­men­schen im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes der Ver­gan­gen­heit ange­hört und nicht der­art pau­schal und kli­schee­haft in den Köp­fen der Men­schen wei­ter­le­ben soll­te. Es braucht Ver­än­de­rung und es braucht Men­schen, die dar­an mit­wir­ken und so hof­fent­lich ein neu­es akku­ra­te­res Bild von Geschlech­ter­rol­len schaf­fen. 

David Safier, Auf­ge­taut. Rowohlt Ver­lag, 2021

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2023: Rezension Katharina Wesselmann, Die abgetrennte Zunge. Sex und Macht in der Antike neu lesen.

2023: Rezension Katharina Wesselmann, Die abgetrennte Zunge. Sex und Macht in der Antike neu lesen.

Rezension: Katharina Wesselmann, Die abgetrennte Zunge. Sex und Macht in der Antike neu lesen.

 Autorin: Ulri­ke Ram­bu­scheck, Datum: 02.10.2023

Katha­ri­na Wes­sel­mann, Die abge­trenn­te Zun­ge. Sex und Macht in der Anti­ke neu lesen. wbg Theiss (Darm­stadt 2021). 223 Sei­ten, 13 Abbil­dun­gen.

Was haben Incels und Rap­per mit der Anti­ke zu tun? Eini­ge ihrer miso­gy­nen Äuße­run­gen und gewalt­tä­ti­gen Inhal­te haben ihre Wur­zeln in der anti­ken Lite­ra­tur. Die Par­al­le­len zu eini­gen Dich­tern wie Catull oder Ovid sind so auf­fäl­lig, dass man mei­nen könn­te, sie hät­ten sie gele­sen, was aber eher unwahr­schein­lich ist. Wie kommt es dann zu die­sen frap­pie­ren­den Ähn­lich­kei­ten? Hin­ter die­ses Geheim­nis nimmt uns die Alt­phi­lo­lo­gin Katha­ri­na Wes­sel­mann mit auf eine lite­ra­ri­sche Rei­se in die Anti­ke. In neun Kapi­teln wird von einem aktu­el­len miso­gy­nen Ereig­nis der Gegen­wart aus nach den anti­ken Wur­zeln die­ses Phä­no­mens gefahn­det. Dies ist sehr erstaun­lich, da wir doch meis­tens davon aus­ge­hen, dass die Anti­ke die Wie­ge von so posi­ti­ven Sachen wie Demo­kra­tie, Phi­lo­so­phie oder Recht­spre­chung ist, von der unse­re abend­län­di­sche Kul­tur bis heu­te tief beein­flusst ist. Doch die Anti­ke ist auch die Wie­ge des Patri­ar­chats, der Miso­gy­nie und der Gewalt gegen Frau­en und alle Men­schen, die kei­ne männ­li­chen Bür­ger waren. Die­sen Bogen von der Anti­ke zu Phä­no­me­nen unse­rer heu­ti­gen west­li­chen Welt zu schla­gen, macht für mich den Reiz des Buches aus. Plötz­lich erschei­nen auch so unschul­di­ge Din­ge wie Vasen­ma­le­rei­en in einem ganz neu­en Licht.
Die Band­brei­te der The­men reicht von „Erzähl­te Frau­en“, bei dem Frau­en aus einer männ­li­chen Per­spek­ti­ve beschrie­ben wer­den, über die Dar­stel­lung von mäch­ti­gen Frau­en, die in der Öffent­lich­keit stan­den, bis zu den häss­li­chen Frau­en, die nicht ins anti­ke Schön­heits­ide­al pass­ten. Wei­te­re Kapi­tel beschäf­ti­gen sich mit den Grau­sam­kei­ten gegen Frau­en, denen wir in den Mythen begeg­nen, wie Ver­ge­wal­ti­gun­gen und ver­such­te sexu­el­le Über­grif­fe, sowie mit Ver­ge­wal­ti­gun­gen in der Ehe, wie sie aus Komö­di­en (!) bekannt sind. In einem Kapi­tel wird auf Män­ner als Opfer ein­ge­gan­gen, denn nur erwach­se­ne freie Bür­ger waren sicher vor sexu­el­ler Gewalt, für Skla­ven oder sehr jun­ge Män­ner galt dies häu­fig nicht. In einem wei­te­ren Kapi­tel wird die latei­ni­sche Lie­bes­ele­gie vor­ge­stellt und wie sie bis heu­te unse­re Vor­stel­lun­gen von geglück­ten Lie­bes­be­zie­hun­gen beein­flusst, meis­tens mit eher nega­ti­ven Fol­gen für die Frau­en. Damit eng ver­bun­den ist die Idee der roman­ti­schen Lie­be in der anti­ken Lite­ra­tur und ihre fata­len Aus­wir­kun­gen auf Frau­en. In einem Kapi­tel wird auf die Obs­zö­ni­tät und Gewalt­ver­herr­li­chung von eini­gen Gedich­ten Catulls und sei­ner Dich­ter­kol­le­gen ein­ge­gan­gen.
Dür­fen sol­che Tex­te heu­te noch gele­sen wer­den? Die Autorin sagt ganz klar Ja, aber sie müs­sen kon­tex­tua­li­siert wer­den. Dann kön­nen sie uns viel über die anti­ken Struk­tu­ren und Macht­ver­hält­nis­se sagen und dar­über hin­aus auch Phä­no­me­ne unse­rer eige­nen Gegen­wart bes­ser ver­ste­hen hel­fen, deren Ursprün­ge in der Anti­ke lie­gen. Des­halb kann ich das Buch allen emp­feh­len, die an sol­chen Lini­en zwi­schen Anti­ke und Gegen­wart inter­es­siert sind. Das Buch ist flüs­sig und span­nend geschrie­ben. Es basiert auf einer Vor­le­sung an der Chris­ti­an-Albrechts-Uni­ver­si­tät zu Kiel, wo die Autorin Pro­fes­so­rin für Fach­di­dak­tik der Alten Spra­chen ist. Den­noch ist es für ein brei­te­res Publi­kum geeig­net. Abge­run­det wird es durch ein Regis­ter der im Text genann­ten anti­ken Autor*innen (Sap­pho ist die ein­zi­ge Dich­te­rin) mit ihren Lebens­da­ten sowie die Biblio­gra­fie.

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