Virtuelle Ausstellung: Vom Grab in die Vitrine: (Ge)schlecht verstanden?

Virtuelle Ausstellung: Vom Grab in die Vitrine: (Ge)schlecht verstanden?

Virtuelle Ausstellung: Vom Grab in die Vitrine: (Ge)schlecht verstanden?

Auf der Web­site des Leib­niz-Insti­tuts für Geschich­te und Kul­tur des öst­li­chen Euro­pa (GWZO) gibt es eine neue Online-Aus­stel­lung „Vom Grab in die Vitri­ne: (Ge)schlecht ver­stan­den?“.

Die­se Aus­stel­lung wur­de im Rah­men einer Online-Lehr­ver­an­stal­tung an der Frei­en Uni­ver­si­tät zu Ber­lin und der Uni­ver­si­tät Leip­zig wäh­rend des Win­ter­se­mes­ters 2021/22 und des Som­mer­se­mes­ters 2022 unter der Lei­tung von PD Dr. Osolya Hein­rich-Tamá­s­ka und unter der Mit­wir­kung der Kurs­teil­neh­me­rin­nen kura­tiert.

Die tech­ni­sche Umset­zung wur­de durch die Unter­stüt­zung des Leib­niz-Insti­tuts für Geschich­te und Kul­tur des öst­li­chen Euro­pa (GWZO) e.V. in Leip­zig ermög­licht.

Zum vir­tu­el­len Rund­gang geht es hier: https://home.uni-leipzig.de/vomgrabindievitrine/

Zu den vir­tu­el­len Aus­stel­lun­gen des GWZO geht es hier ent­lang: https://www.leibniz-gwzo.de/de/digitale-ausstellungen 

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Virtuelle Ausstellung: Ich Mann. Du Frau. Feste Rollen seit Urzeiten?

Virtuelle Ausstellung: Ich Mann. Du Frau. Feste Rollen seit Urzeiten?

Virtuelle Ausstellung: Ich Mann. Du Frau. Feste Rollen seit Urzeiten?

Im Neu­en Muse­um Biel (Schweiz) kann ein vir­tu­el­ler Rund­gang durch die Aus­stel­lung “Ich Mann. Du Frau. Fes­te Rol­len seit Urzei­ten?” unter https://www.nmbiel.ch/virtual-tour/?lang=de unter­nom­men wer­den.
Die vir­tu­el­le Aus­stel­lung ist bis auf Wei­te­res zu sehen. Es han­delt sich um eine Erwei­te­rung der Schau, die 2014/15 in Frei­burg im Breis­gau zu sehen war.

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Rezension zu Katharina Wesselmann, Die abgetrennte Zunge. Sex und Macht in der Antike neu lesen.

Rezension zu Katharina Wesselmann, Die abgetrennte Zunge. Sex und Macht in der Antike neu lesen.

Rezension: Katharina Wesselmann, Die abgetrennte Zunge. Sex und Macht in der Antike neu lesen.

 Autorin: Ulri­ke Ram­bu­scheck, Datum: 02.10.2023

Katha­ri­na Wes­sel­mann, Die abge­trenn­te Zun­ge. Sex und Macht in der Anti­ke neu lesen. wbg Theiss (Darm­stadt 2021). 223 Sei­ten, 13 Abbil­dun­gen.

Was haben Incels und Rap­per mit der Anti­ke zu tun? Eini­ge ihrer miso­gy­nen Äuße­run­gen und gewalt­tä­ti­gen Inhal­te haben ihre Wur­zeln in der anti­ken Lite­ra­tur. Die Par­al­le­len zu eini­gen Dich­tern wie Catull oder Ovid sind so auf­fäl­lig, dass man mei­nen könn­te, sie hät­ten sie gele­sen, was aber eher unwahr­schein­lich ist. Wie kommt es dann zu die­sen frap­pie­ren­den Ähn­lich­kei­ten? Hin­ter die­ses Geheim­nis nimmt uns die Alt­phi­lo­lo­gin Katha­ri­na Wes­sel­mann mit auf eine lite­ra­ri­sche Rei­se in die Anti­ke. In neun Kapi­teln wird von einem aktu­el­len miso­gy­nen Ereig­nis der Gegen­wart aus nach den anti­ken Wur­zeln die­ses Phä­no­mens gefahn­det. Dies ist sehr erstaun­lich, da wir doch meis­tens davon aus­ge­hen, dass die Anti­ke die Wie­ge von so posi­ti­ven Sachen wie Demo­kra­tie, Phi­lo­so­phie oder Recht­spre­chung ist, von der unse­re abend­län­di­sche Kul­tur bis heu­te tief beein­flusst ist. Doch die Anti­ke ist auch die Wie­ge des Patri­ar­chats, der Miso­gy­nie und der Gewalt gegen Frau­en und alle Men­schen, die kei­ne männ­li­chen Bür­ger waren. Die­sen Bogen von der Anti­ke zu Phä­no­me­nen unse­rer heu­ti­gen west­li­chen Welt zu schla­gen, macht für mich den Reiz des Buches aus. Plötz­lich erschei­nen auch so unschul­di­ge Din­ge wie Vasen­ma­le­rei­en in einem ganz neu­en Licht.
Die Band­brei­te der The­men reicht von „Erzähl­te Frau­en“, bei dem Frau­en aus einer männ­li­chen Per­spek­ti­ve beschrie­ben wer­den, über die Dar­stel­lung von mäch­ti­gen Frau­en, die in der Öffent­lich­keit stan­den, bis zu den häss­li­chen Frau­en, die nicht ins anti­ke Schön­heits­ide­al pass­ten. Wei­te­re Kapi­tel beschäf­ti­gen sich mit den Grau­sam­kei­ten gegen Frau­en, denen wir in den Mythen begeg­nen, wie Ver­ge­wal­ti­gun­gen und ver­such­te sexu­el­le Über­grif­fe, sowie mit Ver­ge­wal­ti­gun­gen in der Ehe, wie sie aus Komö­di­en (!) bekannt sind. In einem Kapi­tel wird auf Män­ner als Opfer ein­ge­gan­gen, denn nur erwach­se­ne freie Bür­ger waren sicher vor sexu­el­ler Gewalt, für Skla­ven oder sehr jun­ge Män­ner galt dies häu­fig nicht. In einem wei­te­ren Kapi­tel wird die latei­ni­sche Lie­bes­ele­gie vor­ge­stellt und wie sie bis heu­te unse­re Vor­stel­lun­gen von geglück­ten Lie­bes­be­zie­hun­gen beein­flusst, meis­tens mit eher nega­ti­ven Fol­gen für die Frau­en. Damit eng ver­bun­den ist die Idee der roman­ti­schen Lie­be in der anti­ken Lite­ra­tur und ihre fata­len Aus­wir­kun­gen auf Frau­en. In einem Kapi­tel wird auf die Obs­zö­ni­tät und Gewalt­ver­herr­li­chung von eini­gen Gedich­ten Catulls und sei­ner Dich­ter­kol­le­gen ein­ge­gan­gen.
Dür­fen sol­che Tex­te heu­te noch gele­sen wer­den? Die Autorin sagt ganz klar Ja, aber sie müs­sen kon­tex­tua­li­siert wer­den. Dann kön­nen sie uns viel über die anti­ken Struk­tu­ren und Macht­ver­hält­nis­se sagen und dar­über hin­aus auch Phä­no­me­ne unse­rer eige­nen Gegen­wart bes­ser ver­ste­hen hel­fen, deren Ursprün­ge in der Anti­ke lie­gen. Des­halb kann ich das Buch allen emp­feh­len, die an sol­chen Lini­en zwi­schen Anti­ke und Gegen­wart inter­es­siert sind. Das Buch ist flüs­sig und span­nend geschrie­ben. Es basiert auf einer Vor­le­sung an der Chris­ti­an-Albrechts-Uni­ver­si­tät zu Kiel, wo die Autorin Pro­fes­so­rin für Fach­di­dak­tik der Alten Spra­chen ist. Den­noch ist es für ein brei­te­res Publi­kum geeig­net. Abge­run­det wird es durch ein Regis­ter der im Text genann­ten anti­ken Autor*innen (Sap­pho ist die ein­zi­ge Dich­te­rin) mit ihren Lebens­da­ten sowie die Biblio­gra­fie.

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Rezension zu Marylène Patou-Mathis, Weibliche Unsichtbarkeit. Wie alles begann.

Rezension zu Marylène Patou-Mathis, Weibliche Unsichtbarkeit. Wie alles begann.

Rezension: Marylène Patou-Mathis, Weibliche Unsichtbarkeit. Wie alles begann.

 Autorin: Ulri­ke Ram­bu­scheck, Datum: 02.10.2023

Marylè­ne Patou-Mathis, Weib­li­che Unsicht­bar­keit. Wie alles begann. Aus dem Fran­zö­si­schen von Ste­pha­nie Singh. Han­ser Ver­lag, Mün­chen 2021. Ori­gi­nal: L’homme pré­his­to­ri­que est aus­si une femme. Une his­toire de l’invisibilité des femmes. All­ary Edi­ti­on, Paris, 2020. 286 Sei­ten.

Die fran­zö­si­sche Ur- und Früh­ge­schicht­le­rin Marylè­ne Patou-Mathis legt hier ein Buch vor, das laut Klap­pen­text den prä­his­to­ri­schen Frau­en den ihnen gebüh­ren­den Platz in der Geschich­te ein­räu­men will.
In der Ein­lei­tung wird betont, dass die alten Kli­schees der jagen­den Män­ner und in den Höh­len häus­li­che Arbei­ten ver­rich­ten­den Frau­en nicht mehr gel­ten, da sie durch „[n]eue Ana­ly­se­te­chi­ken archäo­lo­gi­scher Relik­te, jüngs­te Ent­de­ckun­gen mensch­li­cher Fos­si­li­en und die Ent­wick­lung der Geschlech­ter­ar­chäo­lo­gie“ ent­kräf­tet wor­den sei­en (S. 9). Ziel des Buches ist es „ (…) Ant­wor­ten auf die Fra­ge nach der Geschich­te der Frau­en in den urge­schicht­li­chen Gesell­schaf­ten zuta­ge zu för­dern“ (S. 13).

Im ers­ten Kapi­tel „Die prä­his­to­ri­sche Frau in der Lite­ra­tur“ geht es erst­mal um Skulp­tu­ren und Gemäl­de aus dem 19. und dem Anfang des 20. Jahr­hun­derts, die Urmen­schen dar­stel­len, wie sie damals gese­hen wur­den: Frau­en und Kin­der erwar­te­ten in der Höh­le die Rück­kehr der Män­ner von der Jagd. Hier ist es sehr bedau­er­lich, dass es kei­ne Abbil­dun­gen gibt. In Roma­nen bis in die 1930er-Jah­re wur­den Frau­en nur kli­schee­haft geschil­dert. In Fil­men der 1960er-Jah­re muss­ten sie haupt­säch­lich für Män­ner sexy sein.
Im Unter­ka­pi­tel „Waren unse­re Vor­fah­ren von Natur aus gewalt­tä­tig?“ geht es um die Vor­stel­lun­gen einer gewalt­vol­len Ver­gan­gen­heit, wie sie in Roma­nen und Kunst­wer­ken des 19. Jahr­hun­derts zum Aus­druck kommt. Aus die­ser Zeit stammt das Ste­reo­typ des tier­fell­tra­gen­den, keu­len­schwin­gen­den Man­nes, der sich gegen eine feind­li­che Natur erweh­ren muss und rie­si­ge Beu­te­tie­re wie Mam­muts jagt. Archäo­lo­gi­sche Fun­de geben aber eher Hin­wei­se auf Gewalt ab dem Neo­li­thi­kum oder der Bron­ze­zeit. Die Autorin zieht dar­aus den Schluss, dass das Geschlech­ter­ver­hält­nis in der Alt­stein­zeit noch aus­ge­gli­chen war und „[d]ie Unter­wer­fung der Frau­en (…) jün­ge­ren Datums (ist) und (…) auf die Errich­tung des patri­ar­cha­len Sys­tems (folgt) …“ (S. 22). Im Unter­ka­pi­tel „Frau­en­raub“ wird dar­über spe­ku­liert, ob die Urmen­schen Frau­en­raub oder doch eher Frau­en­tausch betrie­ben hät­ten.

Im Kapi­tel „Die Ent­ste­hung der Urge­schich­te als wis­sen­schaft­li­che Dis­zi­plin“ sol­len die Bestand­tei­le unse­res kul­tu­rel­len Erbes unter­sucht wer­den, die die wis­sen­schaft­li­che Beschäf­ti­gung mit der Urge­schich­te beein­flusst haben. Es geht um die Grün­de, wes­halb in der west­lich-abend­län­di­schen Kul­tur die Frau­en als den Män­nern unter­le­ge­ne Wesen auf­ge­fasst wer­den. Dazu wer­den Dis­kur­se aus Reli­gi­on, Phi­lo­so­phie, Medi­zin und – seit dem 18. Jahr­hun­dert – den neu­en Wis­sen­schaf­ten vom Men­schen (Anthro­po­lo­gie, „Schä­del­kun­de“, „Ras­sen­kun­de“) her­an­ge­zo­gen, die alle­samt die Frau­en nega­tiv bewer­te­ten.

Im Kapi­tel „Die prä­his­to­ri­sche Frau im Licht neu­er Erkennt­nis­se der Geschlech­ter­ar­chäo­lo­gie“ geht es in zwei Unter­ka­pi­teln um „Frau­en im Paläo­li­thi­kum“ und um „Frau­en im Neo­li­thi­kum und in der Metall­zeit“. Im ers­ten Unter­ka­pi­tel wird haupt­säch­lich die Kunst des Jung­pa­läo­li­thi­kums mit sei­nen Höh­len­ma­le­rei­en und Sta­tu­et­ten vor­ge­stellt. Hier zeigt sich beson­ders deut­lich, wie wich­tig Abbil­dun­gen gewe­sen wären. Die Frau­en­sta­tu­et­ten wer­den lei­der immer als „Venus­fi­gu­ren“ bezeich­net, obwohl in einer Fuß­no­te dar­auf hin­ge­wie­sen wird, dass die­se Bezeich­nung unan­ge­mes­sen ist. Es wird noch auf die Tätig­kei­ten und die kör­per­li­che Ver­fas­sung von alt­stein­zeit­li­chen Frau­en, auf Patri- oder Matri­lo­ka­li­tät (für die Autorin gab es Patri­lo­ka­li­tät bereits bei den Nean­der­ta­lern, die sie als Zwang gegen­über den Frau­en ansieht) und auf Bestat­tun­gen ein­ge­gan­gen, bevor sich der Fra­ge zuge­wen­det wird, ob es matri­ar­cha­le Gesell­schaf­ten gege­ben habe und wenn ja, ab wann. Für die heu­ti­ge Zeit wer­den Matri­ar­cha­te bestrit­ten (S. 123; auf Sei­te 192 aller­dings wird das Gegen­teil behaup­tet). Für paläo­li­thi­sche Gesell­schaf­ten kon­sta­tiert die Autorin zum Schluss die­ses Unter­ka­pi­tels, dass die­se matri­li­ne­ar orga­ni­siert oder die Geschlech­ter­ver­hält­nis­se gleich­be­rech­tigt gewe­sen sei­en.
Das Unter­ka­pi­tel „Frau­en im Neo­li­thi­kum und in der Metall­zeit“ fragt danach, ob sich der Sta­tus von Frau­en im Neo­li­thi­kum ver­bes­sert oder ver­schlech­tert habe. Nach Abwä­gen eini­ger Mei­nun­gen kommt die Autorin zu kei­nem ein­deu­ti­gen Ergeb­nis. Es wird kon­sta­tiert, dass die Situa­ti­on von Frau­en je nach Gebiet und ihrer gesell­schaft­li­chen Posi­ti­on unter­schied­lich war. Dann wird auf die Ama­zo­nen der grie­chi­schen Sage und ihrer mög­li­chen Ver­bin­dung zu sky­thi­schen Krie­ge­rin­nen­grä­bern ein­ge­gan­gen. Danach wird auf die vie­len Frau­en­dar­stel­lun­gen ein­ge­gan­gen, die oft als Frucht­bar­keits- oder Mut­ter­göt­tin­nen gedeu­tet wer­den. Nach die­sen neo­li­thi­schen Frau­en­dar­stel­lun­gen wer­den weib­li­che Gott­hei­ten in den anti­ken Hoch­kul­tu­ren behan­delt.

Im vier­ten Kapi­tel „Ewi­ge Rebel­lin­nen“ wer­den gro­ße Frau­en­per­sön­lich­kei­ten und Ent­wick­lun­gen, die Frau­en betra­fen oder an denen sie Anteil hat­ten, von der Anti­ke bis ins 20. Jahr­hun­dert vor­ge­stellt.

Das Nach­wort „Frau­en und Femi­nis­mus – ges­tern und heu­te“ ist ein lei­den­schaft­li­cher Appell für die Rech­te der Frau­en in der heu­ti­gen Gesell­schaft wie in der Geschich­te. Beson­ders das Patri­ar­chat müs­se als das erkannt wer­den, was es sei: „eine Denk- und Hand­lungs­form, die eine auf Geschlech­ter­bi­na­ri­tät und Geschlech­ter­hier­ar­chie fußen­de Ord­nung schafft“ (S. 192). Im Fol­gen­den wer­den Unge­rech­tig­kei­ten, unter denen bis heu­te Frau­en lei­den, auf­ge­zählt wie Unter­re­prä­sen­ta­ti­on von Frau­en in Füh­rungs­po­si­tio­nen und in der Wis­sen­schaft, Sexis­mus in den Medi­en, geschlech­ter­spe­zi­fi­sche Erzie­hung, die Jun­gen gegen­über Mäd­chen bevor­zugt, oder Mas­ku­li­ni­sie­rung der Spra­che. Statt wie jahr­hun­der­te­lang Frau­en wei­ter­hin in kul­tu­rell vor­ge­ge­be­ne Rol­len zu zwin­gen, soll­te das Patriachat über­wun­den und die Kom­ple­men­ta­ri­tät der Geschlech­ter ange­strebt wer­den.

Für mich stellt sich nach der Lek­tü­re die­ses Buches beson­ders die Fra­ge, für wen es geschrie­ben ist? Nach Auf­ma­chung und Klap­pen­text des Buches wohl eher für ein grö­ße­res Publi­kum. Die Autorin ist Ur- und Früh­ge­schicht­le­rin und ein Vier­tel des Buches sind Anmer­kun­gen, eigent­lich gute Vor­aus­set­zun­gen für eine soli­de wis­sen­schaft­li­che Arbeit. Lei­der hat es die Autorin aber nicht geschafft, das Mate­ri­al in ange­mes­se­ner Wei­se zu prä­sen­tie­ren: Nur sel­ten ist ein roter Faden zu erken­nen, zu oft schwankt die Argu­men­ta­ti­on hin und her, ohne zu einem Ergeb­nis zu kom­men. Wie schon bei der Beschrei­bung der ein­zel­nen Kapi­tel deut­lich gewor­den sein soll­te, hal­ten die Über­schrif­ten oft nicht, was sie erwar­ten las­sen. Aus all die­sen Grün­den blei­ben Lai*innen rat­los zurück und für Fachwissenschaftler*innen ist es ein gro­ßes Durch­ein­an­der.
Begrif­fe wie Gen­der, Geschlech­ter­rol­len, die Gen­der­theo­rie, Geschlech­ter­ar­chäo­lo­gie und femi­nis­ti­sche Archäo­lo­gie wer­den ver­wen­det, ohne die­se genau zu erklä­ren; Glei­ches gilt für archäo­lo­gi­sche Fach­be­grif­fe. Hier wäre ein Glos­sar sinn­voll gewe­sen.
Und dann die Fra­ge, was soll­te eigent­lich ver­mit­telt wer­den? Der Inhalt geht weit über die Archäo­lo­gie hin­aus. Es han­delt sich eher um eine Geschich­te der Frau­en von der Alt­stein­zeit bis heu­te.
Neben die­sen inhalt­li­chen Kri­tik­punk­ten gibt es noch eine Rei­he von for­ma­len Unzu­läng­lich­kei­ten. Neben, wie schon erwähnt, feh­len­den Bil­dern und einem Glos­sar ist das Buch teil­wei­se schlecht über­setzt: Im Deut­schen gibt es weder „Urhis­to­ri­ker“ noch „Wild- und Feld­beu­ter“, noch eine „Ursün­de“.
Als ein­zi­ger posi­ti­ver Punkt ist die Nen­nung von fran­zö­si­scher Lite­ra­tur anzu­füh­ren, die in der deut­schen ur- und früh­ge­schicht­li­chen For­schung wenig rezi­piert wird.
Als Fazit bleibt, dass ich das Buch nicht emp­feh­len kann. Hier ist eine Chan­ce ver­tan wor­den, die archäo­lo­gi­sche Geschlech­ter­for­schung einem grö­ße­ren Publi­kum vor­zu­stel­len und Fachwissenschaftler*innen mit den neu­es­ten Erkennt­nis­sen bekannt zu machen.

Wer als fach­frem­de Per­son etwas über die Arbeits­wei­se der Geschlech­ter­ar­chäo­lo­gie wis­sen möch­te, soll­te lie­ber auf das Buch von Mar­ga­ret Ehren­berg „Die Frau in der Vor­ge­schich­te“ von 1992 zurück­grei­fen. Die Vor­ge­hens­wei­se der archäo­lo­gi­schen Geschlech­ter­for­schung wird hier klar struk­tu­riert erklärt und an Bei­spie­len erläu­tert, die nichts an Aktua­li­tät ver­lo­ren haben. Auch die zwei Aus­stel­lungs­ka­ta­lo­ge „Frau­en – Zei­ten – Spu­ren“, Kata­log Aus­stel­lung Mett­mann (1998 her­aus­ge­ge­ben von Bär­bel Auf­fer­mann und Gerd C. Weni­ger) und „Ich Mann. Du Frau. Fes­te Rol­len seit Urzei­ten?“ Begleit­buch zur Aus­stel­lung des Archäo­lo­gi­schen Muse­ums Colom­bischlöss­le (2014 her­aus­ge­ge­ben von Bri­git­te Röder) sind ein guter Ein­stieg ins The­ma. Als kri­ti­sche Stim­me zur soge­nann­ten Matri­ar­chats­for­schung sei auf das Buch „Göt­tin­nen­däm­me­rung. Das Matri­ar­chat aus archäo­lo­gi­scher Sicht“ von Bri­git­te Röder, Julia­ne Hum­mel und Bri­git­ta Kunz aus dem Jahr 1996 hin­ge­wie­sen, das sich eben­falls eher an ein brei­te­res Publi­kum wen­det, ohne fach­li­che Abstri­che zu machen.

 

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Nachruf Prof. Dr. Frauke Stein

Frauke Stein verstorben

 Autorin: Michae­la Helm­brecht, Datum: 05.08.2023

Das Fem­Arc-Netz­werk erreich­te die trau­ri­ge Nach­richt, dass am 7. Juli 2023 unse­re Mit­frau Prof. Dr. Frau­ke Stein im Alter von 87 Jah­ren ver­stor­ben ist.

Frau­ke Stein stu­dier­te ab 1955 Ur- und Früh­ge­schich­te in Ham­burg und Mün­chen. Zu ihren aka­de­mi­schen Leh­rern gehör­ten Hans Jür­gen Eggers und Joa­chim Wer­ner. Ihre Dis­ser­ta­ti­on zu den Adels­grä­bern des 8. Jahr­hun­derts in Deutsch­land, die 1967 in der Rei­he Ger­ma­ni­sche Denk­mä­ler der Völ­ker­wan­de­rungs­zeit erschien, gilt bis heu­te als Mei­len­stein der For­schung. Nach ihrer Pro­mo­ti­on erhielt sie das Rei­se­sti­pen­di­um des Deut­schen Archäo­lo­gi­schen Insti­tuts, das ihr die Türen zu einer aka­de­mi­schen Lauf­bahn öff­ne­te.

1964 hol­te Rolf Hach­mann sie als wis­sen­schaft­li­che Assis­ten­tin nach Saar­brü­cken ans Insti­tut für Vor- und Früh­ge­schich­te der Uni­ver­si­tät des Saar­lan­des. Zwi­schen 1967 und 1969 schrieb sie dort ihre Habi­li­ta­ti­ons­schrift zu den bron­ze­zeit­li­chen Hort­fun­den in Süd­deutsch­land. Es folg­te 1970 die Hoch­schul­do­zen­tur und ab 1973 eine C3-Pro­fes­sur an der Uni­ver­si­tät des Saar­lan­des.

Frau­ke Stein war eine jener weni­gen Archäo­lo­gin­nen, denen es gelang, in der frü­hen Bun­des­re­pu­blik erfolg­reich eine aka­de­mi­sche Lauf­bahn ein­zu­schla­gen und bis zur ordent­li­chen Pro­fes­sur auf­zu­stei­gen.

Frau­ke Stein enga­gier­te sich an der Uni­ver­si­tät des Saar­lan­des auch als Frau­en­be­auf­trag­te. Im Jah­re 2001 ging sie in den Ruhe­stand. Noch bis kurz vor ihrem Tod war Frau­ke Stein wis­sen­schaft­lich tätig. 2007 trat sie dem Ver­ein Fem­Arc – Netz­werk archäo­lo­gisch arbei­ten­der Frau­en e. V. bei, und blieb bis zu ihrem Tod Mit­frau.

Unse­re Gedan­ken sind bei den Hin­ter­blie­be­nen und Ange­hö­ri­gen. Möge sie in Frie­den ruhen.

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Jagende Frauen – noch im Jahr 2023 eine Sensation!?

Jagende Frauen – noch im Jahr 2023 eine Sensation!?

 Autorin: Michae­la Helm­brecht, Datum: 05.07.2023

In den letz­ten Tagen ging eine „Sen­sa­ti­ons­mel­dung“ durch die Medi­en: Eine Stu­die, die zahl­rei­che eth­no­gra­phi­sche Stu­di­en aus­wer­tet, ist zu dem Ergeb­nis gekom­men, dass in rezen­ten Gesell­schaf­ten, deren Substis­tenz auf Jagd und Sam­meln beruht, durch­aus auch Frau­en jag(t)en. Huch – da ent­puppt sich doch tat­säch­lich das lieb­ge­won­ne­ne Bild des jagen­den Man­nes und der sam­meln­den Frau als Ste­reo­typ! Für mich als Frau, die sich seit Jah­ren mit geschlechts­be­zo­ge­nen Ste­reo­ty­pen beschäf­tigt, ist das kei­ne gro­ße Über­ra­schung. Eher wun­de­re ich mich ein wenig, dass die­ses The­ma tat­säch­lich so ein Auf­re­ger ist.

Aber wor­um geht es in der Stu­die?

Die Autorin­nen und Autoren, die ihre Meta-Stu­die „The Myth of Man the Hun­ter: Women’s con­tri­bu­ti­on to the hunt across eth­no­gra­phic con­texts“ in der Open-Access-Zeit­schrift Plos one ver­öf­fent­licht haben, haben zahl­rei­che eth­no­gra­phi­sche Stu­di­en der letz­ten hun­dert Jah­re zusam­men­ge­tra­gen und fest­ge­stellt, dass in 79 % Pro­zent der Gesell­schaf­ten, über die Anga­ben zur Jagd vor­han­den sind, Frau­en aktiv und vor­sätz­lich auf die Jagd gegan­gen sind, auch auf Groß­wild. Sie ver­bin­den die­se Erkennt­nis mit archäo­lo­gi­schen Fun­den aus der Zeit vor der Sess­haft­wer­dung, die eben­falls nahe­le­gen, dass die Jagd kei­ne aus­schließ­li­che Domä­ne der Män­ner war. Den­noch wur­de lan­ge Zeit sowohl in der Eth­no­gra­phie als auch in der Archäo­lo­gie in der Regel davon aus­ge­gan­gen, dass es eine strik­te Auf­tei­lung gab: die Män­ner jag­ten und die Frau­en sam­mel­ten. Aus­nah­men bestä­tig­ten nur die Regel.

Mit die­ser Meta-Stu­die, die zwar nichts grund­le­gend Neu­es prä­sen­tiert, aber gro­ße Auf­merk­sam­keit in den Medi­en erfah­ren hat, könn­te nun immer­hin ein Schritt getan sein, dass sich das hart­nä­cki­ge Bild der geschlechts­spe­zi­fi­schen Arbeits­tei­lung in der Stein­zeit end­lich aus den Köp­fen ver­ab­schie­det. Solan­ge aber in Schul­bü­chern immer noch behaup­tet wird, dass die Jagd Män­ner­sa­che war, wird sich lei­der auch die­ses Ste­reo­typ nicht so leicht aus der Welt schaf­fen las­sen.

Hier lässt sich die Stu­die lesen:

https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0287101

Cita­ti­on: Ander­son A, Chil­c­zuk S, Nel­son K, Ruther R, Wall-Scheff­ler C (2023) The Myth of Man the Hun­ter: Women’s con­tri­bu­ti­on to the hunt across eth­no­gra­phic con­texts. PLoS ONE 18(6): e0287101. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0287101

 

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